Montag,  30. Mai - Addis Abeba / Äthiopien

Blumige Eindrücke

Eher schlecht als recht ausgeschlafen stehe ich am nächsten Morgen verwundert vor etwas, das ein Frühstücksbüfett darstellen soll. Was es gibt, ist schwer zu definieren. Also packen ich einfach mal was drauf. Dabei erwische ich etwas, das wie Brotstücke aussieht, die in einer Soße gekocht wurden und mir die Geschmacksnerven verdrehet. Besser schon sind so etwas ähnliches wie Pan Cakes. So wie man dann etwas gefunden hat, beginnen dann auch die Probleme. So sind weder Besteck zu finden, noch gibt es Kaffee. Das heißt doch, es gibt alles. Allerdings erst, nachdem die Kaffeeausgabe exakt protokolliert wurde.

Morgens geht's zum Markt. Der Merkato von Addis Abeba ist der größte Markt von Afrika. Es ist ein Irrgarten mit tausend Menschen und noch abertausenden Produkten. Typisch für einen afrikanischen Markt, spielt sich hier alles auf dem Rücken, Kopf oder Boden ab. Esel noch und nöcher laufen vorbei, der Boden ist voller Frauen, die Knoblauch und Ingwer verkaufen. Keine Ahnung, was sich in der nächsten Gasse verbirgt, ob Sattler ihr Leder schneiden, ob Frauen Kaffeebohnen mahlen oder sich eine zehn Meter lange Reihe von Schneidern an der Mauer aufreiht, die konzentriert das Pedal ihrer Nähmaschine drücken.

Der Mercato liefert ein Bild vom Äthiopien des 21.Jahrhunderts. Bettelnden Frauen, die mit ihrem Kind auf dem Arm ankommen und etwas Kleingeld wollen, Männer ohne Arbeit. 50% der Leute sind arbeitslos. Wenn man durch die Stadt fährt, sieht man zahllose Menschen, ohne Beschäftigung. Sie sitzen unter selbstgespannten Plastikplanen am Straßenrand und versuchen sich etwas Geld zu verdienen. Das sind die Optimisten. Der Rest liegt tagein tagaus auf der Straße, meist zugedröhnt von einem Zeugs namens Kath.

Ansonsten gibt es in Addis keine markanten bzw. bekannten Gebäude bzw. Sehenswürdigkeiten. Ein paar Kirchen, Moscheen, die Universität und Regierungsgebäude. Ich laufe von Pontius zu Pilatus. Über Geschäftsstraßen und lokale Märkte. Addis Abeba bedeutet "neue Blume". Na ja - es handelt sich hier um eine eher hässliche Gewächse.

Mit ihrer riesigen Ausdehnung läuft man sich in Addis nicht nur Plattfüße, auch bei dem Nebeneinander von städtischen Gebäudekomplexen, ländlichen Straßenzügen und überall ärmlichen Wellblechhütten hinterlässt die "Neue Blume" einen wenig blumigen Eindruck.

Im Gegenteil. Überall nur Dreck, aber manchmal sogar eine Recyclingabteilung. Es stapeln sich alte Ölfässer, neben Plastiktüten und Elektrogeräten. Ein Mann sitzt auf der Straße und schlägt mit dem Hammer auf ein Gerät ein, dass noch die letzten Erkennungsmerkmale eines ehemaligen Faxgerätes aufweist. Er zerstört es komplett und sortiert die einzelnen Teile sorgfältig. Findet er etwas wertvolles, beispielsweise ein Stück Kupfer, trägt er es in seine Wellpappenhütte. Daneben sitzen Männer auf Plastikkanistern, ziehen Nägel aus Holzstäben, biegen sie gerade und verkaufen sie weiter.

Auch Unangenehmes gibt es zu berichten. Das seit der Kölner Silvesternacht allgemein bekannte Antanzen ist hier besonders in der Umgebung des Meskel-Platzes Gang und gäbe. Und da ich heute vielleicht ganze drei Touristen gesehen habe, bin ich natürlich ein begehrtes Opfer. Daher verschwinde ich flugs im Wellpappenviertel in einer gemütlichen Bar. Bei 60 Cent pro halbem Liter, guter Musik und einheimischer Bevölkerung lässt es sich schwofen.

P.S. Es wundert mich, wie viele Leute doch englisch sprechen. Nur mit der Aussprache hapert es ab und zu. Der Wirt vom Wellpappenbistro sagt als HAVE ONE, was ich gerne mit einer weiteren Bierbestellung erwidere. Beim Rausschwanken merke ich dann, was er sagen wollte: HAVE FUN.