Samstag, 21. November - Georgetown / Guyana

Potato - Jack 

Guyana. Wem das erstmal nichts sagt, ist genauso schlau wie ich. Nach den gestrigen Erlebnissen und einem abendlichen Kneipenbummel heute wieder ein Puffertag, den ich mir eigentlich hätte schenken können.

Georgetown fristet ein unbeachtetes Dasein und das zu recht. Die Stadt hat in den vergangenen 25 Jahren die Hälfte ihrer Einwohner verloren. Die Hindus, die hier 43 Prozent der Bevölkerung ausmachen, haben sich an die Küste verkrümelt. Was hier noch wohnt sind die Regierung und die schwarze Unterschicht.

In Georgetown haben die Holländer zur Zeit ihrer Kolonialherrschaft ein breites Grachten- und Abwassersystem angelegt. Die Briten, die später das Land besetzten, fanden diese Idee dann doch nicht mehr so toll. So gibt es das Abwassersystem der Holländer heute noch, nur dass es nicht mehr funktioniert. Und was passiert in einer Stadt, die unter dem Meeresspiegel liegt und ein brach liegendes Abwassersystem hat. Die braune Brühe, die überall in der ganzen Stadt entlang der Straßen vorbeiführt, stinkt zum Himmel.

Georgetown ist eigentlich keine Hauptstadt, sondern eine Kloake. Und die Bewohner denken sich, dass hier eh nichts mehr zu retten ist und schmeißen ihren Müll in die Landschaft. Die Häuser sind verfallen und marode. Viele abgefuckte Typen und Obdachlose lungern in den Straßen umher. Die einen von Drogen, die anderen von Alkohol gekennzeichnet. No Future, hier wird der Spontispruch der 80er Realität.

Als Wahrzeichen der Stadt gilt der Stabroek-Markt. Heute ist Markttag. Zwar platzt hier alles aus den Nähten und das Angebot ist unermesslich. Doch freundliche Gesichter sind Mangelware. Zu viele zwielichtige Gestalten streunen um den Markt herum oder liegen vor den Türen.

In der Innenstadt ist es lebendiger, es kommt sogar ein Hauch von karibischem Flair im ganzen Gewusel auf. Vor allem die Jungs mit ihren dröhnenden Boxen auf dem Fahrrad heizen hier mächtig ein. Ein Stück weiter weg an der Waterfront holt mich die Realität wieder ein. Der Atlantik, eine braune Brühe, siecht bewegungslos vor sich hin. Die Promenade ist ein zugemüllter, baufälliger Betonstreifen. Hier und da liegen wieder Typen herum. Trostlos. Immerhin macht das Militär eine Fallschirmsprungschau und so treffen sich viele Leute zum Picknick und bestaunen wie ich das ganze.

Georgetown hat trotz allem auch ein paar schöne Ecken. Auf dem Weg zum Hotel will ich an einem Kiosk nach der vielen Lauferei ein Bier trinken. Der Wirt ist zwar dick aber auf Zack. Draußen sitzen Leute, US Schnulzen dröhnen aus den Boxen. Hier trifft sich die Nachbarschaft und schüttet sich zum Dämmerschoppen einen hinter die Binde.

Potato-Jack, so sein Spitzname ob seiner Vorliebe für Pommes hat heute Geburtstag und so entsteht ein rauschendes Straßenfest. Hier wird gesungen und gelacht, getanzt und getrunken ohne Schankerlaubnis und Sperrstundenverordnung. Es gibt Bier und Rum bis zum Abwinken. Später fliegen auch noch die Bierflaschen als sich zwei Bewohner wohl wegen der gleichen Vorliebe für die Ehefrau des einen in die Haare bekommen.

P.S.: Einer der Saufnasen bei Potato-Jacks 48stem trinkt guyanischen Wein. Sieht aus wie direkt abgezapft bei BASF und Co. Auf dem Etikett findet sich eine Auszeichnung. Goldenes Irgendwas bei der Leipziger Messe 1986. Die Brühe hat der liebe Erich damals bestimmt nicht getrunken. Lg an H1.