Donnerstag, 19. November - Georgetown / Guyana

Zehn (angezogene) Frisösen

In den drei Guyanas gibt es eigentlich keinen Individualtourismus, so dass vieles in Gruppen organisiert wird. Das kommt mir natürlich entgegen und so findet der rund neunstündige Trip nach Georgetown ohne lästiges Suchen öffentlicher Verkehrsmittel statt. Einmal Paramaribo nach Georgetown und nie mehr zurück.

Bis zur Grenze sind es rund vier Stunden gemütliches Busgetuckere, dann gilt es die Fähre zum guyanischen Grenzkontrollpunkt zu erreichen. Überholt werden wir ständig von LKWs und einheimischen Minibussen, die hier mit einem Höllentempo über die Piste heizen, wohingegen mein Bus wegen seiner regulären Fahrweise mächtig aus dem Rahmen fällt.

Die Fähre startet am späten Vormittag und auch hier geht alles sehr gemächlich. Stress ist in dieser Gegend ein absolutes Fremdwort. So schippern gemütlich wir über den mächtigen Correntine River. Überhaupt gibt es hier Flüsse, von denen ich noch nie was gehört habe, wie Essequibo, Berbice oder Demerra, die aber an Mächtigkeit sämtliche europäischen Flüsse zu plätschernden Dorfbächen verkommen lassen. Viele an Bord, die meisten Guyaner, können nicht, oder nicht gut, schreiben und so erledige ich Zollformalitäten meiner Nachbarin gleich mit. Princess heisst die Gute, arbeitet in Surinam und besucht jetzt ihre Familie. Ihre mangelnden Schreibkenntnisse macht sie allerdings durch den einen oder anderen Tipp für Georgetown wieder wett.

Als das Schiff dann anlegt, geht das Wettrennen los. Jeder will der erste sein. Blöd nur, dass es zwei Schlangen gibt, eine für Bürger Guyanas und der Karibikstaaten und eine für Diplomaten und Ausländer. Während sich rechts neben meiner Princess noch 200 Leute tummeln, sind es in meiner Schlange gerade mal 8 Männeken. So schnell ist glaube ich noch nie jemand nach Guyana eingereist. Jedenfalls nicht legal. Obwohl Guyana ähnlich wie Suriname eine englische und niederländische Kolonialvergangenheit hat – eben nur umgekehrt – ist hier alles ganz anders. Kleine Bierflaschen, riesige Moscheen, Kirchen und Hindutempel. Sogar Guiness scheint hier ein festes Standbein zu haben.

Die komplette Strecke von 200 Kilometern an der Küste ist bewohnt, jeden Kilometer steht ein neues Ortschild mit dem Namen des Dorfes, das da gerade beginnt. Irgendwie alles zusammengewachsen, eine geographische Trennung der einzelnen Orte ist nicht zu sehen. Und so komme ich durch Stockholm, Kalkutta oder Amsterdam und wenn den Leuten hier die Namen ausgehen, orientiert man sich eben an Zahlen und Buchstaben. So gibt es das „Buchstabe T-Dorf“ und das „#Dorf Nr. 68“ etc. Über 40 Prozent der Bewohner sind indischer Abstammung und so sind die Straßen von unzähligen Kühen frequentiert. Mit dumm rumrasen wie in Suriname ist hier nichts, will man denn keine Kuh rammen und sich somit den Zorn der Hindugötter zuziehen. Außerdem säumen viele gut erhaltene, bunte Holzhäuser die Straßen. Warum das so ist, ist mir klar, als ich in Georgetown ankomme.

Georgetown ist ein vermülltes Räubernest mit allerdings etwas karibischem Flair. Aber auf den ersten Blick entdecke ich die heruntergekommenste Hauptstadt, die ich je gesehen habe. Es ist schon dunkel und Georgetown genießt keinen guten Ruf in Punkto Sicherheit. Natürlich kümmere ich mich nicht um irgendwelche Warnungen und mache erste Erkundungen zu Fuß. Die übliche Vorsichtsmaßnahme, dunkle Ecken zu vermeiden scheitert schon mal daran, dass es hier nur dunkle Ecken gibt und die Personen auf den Straßen auch tendenziell eher finstere Gesichter machen.

Erste Eindrücke sammle ich beim Gang über den Markt. In Georgetown gibt es viele Obdachlose. Zudem wimmelt es hier von Schusswaffen, die man problemlos und überall erwerben kann und mit denen dann die 5 Touristen, die sich im Schnitt in der Stadt befinden, um ihre Kröten im Portemonnaie erleichtert werden. Jedes größere Kiosk ist hier mit schwer bewaffneter Security geschützt.

Am Abend ist nicht viel, aber doch immer irgendwo etwas los. Die Gravity Lounge hat eine Dachterasse im 6. Stock mit teurem Bier und netten Bedienungen, das Felice hat keine Dachterasse, billiges Bier und ignorante Bedienungen. Zudem findet sich ab 22 Uhr kein nüchterner Guyaner mehr. Das Land scheint einen guten Rum zu haben. Auch die Dorfnasen sind ignorant, und so kann ich in Ruhe meinen Blog schreiben. Das Hotel liegt zwar rund 1500 Meter zu Fuß entfernt, aber auf der Strecke sehe ich einen Polizeiposten, der zumindest etwas Sicherheit vermittelt.

P.S. Beim ersten kleinen Rundgang durch Georgetown bemerke ich, dass mir viele Damen von Balkon im ersten Stock zuwinken. Ausnahmslos alles Frisörgeschäfte. Wie die bei mir Umsatz machen wollen, ist mir allerdings ein Rätsel. Lg an H1.