Dienstag / Mittwoch, 19./20. Mai - Dandong / Peking / Frankfurt

Ausgegrinst

Nach der Nummer mit der Quarantäne nutze ich heute mein Hotel und checke erst zum letztmöglichen Zeitpunkt aus. Bleiben mir noch drei Stunden in Dandong, um einen Eindruck von der Stadt zugewinnen. Bahnhof, Mao Statue, eine Eisenbahnbrücke, die im Koreakrieg zur Hälfte gesprengt und nicht wieder aufgebaut wurde. Schön ist die Uferpromenade mit Blick auf Nordkorea . Das war‘s dann auch und das reichte dann auch. Spätmittags geht es zum Flughafen und als der Flieger in Peking eintrifft, verbleibt noch ein Abend in einem trostlosen Hotel direkt hinter der Landebahn. Da schläft es sich nicht lange und frühmorgens startet dann auch schon der Rückflug.

Letztendlich war ich 72 Stunden seit meiner Abfahrt in Pjöngjang unterwegs. Das hätte ich mir sicherlich einfacher arrangieren können, wäre ich direkt nach Peking geflogen. Hätte, wäre, könnte – das sind dann die Konjunktive, für die man sich nichts kaufen kann. Dass nach der Odyssee dann in Frankfurt noch die Lokführer streiken, passt irgendwie dazu. Meine feste Absicht, dem örtlichen Spritzenhaus noch einen Anstandsbesuch abzustatten, versinkt dann auch im Tiefschlaf.

Ziehen wir ein kurzes Fazit:

Es gibt sie, Reisen nach Nordkorea. Denn das Land braucht die Devisen mehr denn je. Anders als früher musste ich zwar kein Handy oder dergleichen abgeben, aber man hat mir gleich genau erklärt, was ich nicht darf: vor allem keine Fotos machen von Soldaten, Polizisten, Zügen, armen Leuten, kaputten Häusern, Ochsenkarren, Menschenschlangen und so weiter. Also eigentlich von fast gar nichts, denn genau das ist überall zu sehen.

Die Besucher kommen, um sich ein Bild von der letzten kommunistischen Bastion zu machen und die Nordkoreaner glauben, die Touristen seien an der "geliebten Führung" und dem "Fortschritt des Landes" interessiert. Bilaterales Missverständnis also. Nordkorea hat die viertgrößte Armee der Welt und liegt wirtschaftlich am Boden. Bei jeder Begegnung oder Busfahrt erlebe ich ein gedrilltes und weggeschlossenes Land. Man sieht eine Bevölkerung, die in großen Gruppen Straßen auf- und abmarschiert, in ständiger Alarmbereitschaft vor dem Feind lebt und vor allem mit der Huldigung seiner Führer beschäftigt ist.

Ein Volk bewacht sich selbst – und kennt es seit Jahrzehnten nicht anders. Und das fortwährend begleitet von kämpferischer Marschmusik und dem allgegenwärtigen Zahnpastareklamegrinsen des großen Führers. Auf Ansteckern, die jeder erwachsene Nordkoreaner freiwillig und stolz trägt, auf Losungen, Bildern in Wohnungen, Büros, Schulen, Bibliotheken und selbst in den Metro-Wagen, überall grinsen sie, die Kims.

Ich kann das Grins-Gefängnis namens DPRK verlassen – 24 Millionen Nordkoreaner müssen bleiben.