Montag, 18. Mai - Pjöngyang / Dandong (China)

Quarantäne

Abschied von Pjöngjang - um 10.30 Uhr fährt der Zug zur chinesischen Grenze. Vorher nur noch Rucksack packen und eine Nordkorea-spezifische Herausforderung bestehen. Ich brauchte nämlich noch einen Umschlag, was im vom Standard besten Hotel der Stadt allerdings ganze 90 Minuten dauerte. Beim Verhandeln über das gute Stücke konnte ich auch so manchem Angestellten an der Rezeption über die Schulter schauen. Das Management eines Hotels mit zwei 45-stöckigen Türmen erfolgt weitgehend über das Sortieren von Zetteln.

Hatte ich den Flieger genommen, wäre ich in gut zwei Stunden in Peking gewesen. So nehme ich den Zug nach Dandong in China und muss dann nochmals einen Tag investieren, um in die chinesische Hauptstadt zu kommen. Warum? Wollte die fünf bis sechs Stunden im Zug nochmals nutzen, mir einen Blick vom ländlichen Korea zu machen. Ein Flop. Einerseits hatte ich schon viel vom Land gesehen, so dass sich das Rausstarren auf die monotone Landschaft und die immer gleichen Dörfer nicht mehr lohnte. Andererseits hatten mir die langen Abende doch etwas zugesetzt, so dass ich mehr oder weniger erschlagen und desillusioniert auf meinem Bett lag und vor mich hindöste. Sitzplätze gab es keine.

Der Zug nach rattert durch die verregneten Nordprovinzen, mit gegenüber zwei Damen der Nomenklatura mit teuren Uhren und jeder Menge Schmuggelware im Schlepptau. Besonders um die Mittagszeit stinkt es hier erbärmlich nach Essen, Knoblauch und Zigarettenrauch. Fenster öffnen war natürlich passee und dass die Klimaanlage nicht funktioniert, versteht sich hier von selbst. Ich komme erst wieder zu mir, als der Schaffner lautstark ruft: "Sinuiju“. Das ist die letzte Stadt auf der nordkoreanischen Seite vor dem Grenzübergang. Und war schon immer mal wissen wollte, wo der Arsch der Welt ist – hier kann man ihn finden.

Es dauert auch nicht lange, bis die Kontrolleure erscheinen. An verbotenen Sachen habe ich eigentlich relativ wenig dabei: Banknoten, den Kim-Pin, aber natürlich viele verbotenen Fotos. Die hatte ich allerdings auf dem Handy abgespeichert und natürlich dafür gesorgt, dass der Akku alle war. Und dass es hier keinen Strom gab, davon konnte ich ausgehen. Während bei den meisten Touristen in diesem Moment der Angstschweiß rinnt, nehme ich das ganze ziemlich entspannt, um nicht zu sagen lethargisch war. Meine einzige Herausforderung: Das Ausreiseformular ist zweisprachig – koreanisch und chinesisch. Na denn viel Glück beim Ausfüllen. Selbst bei der einzigen Angabe mit 50-prozentiger Erfolgswahrscheinlichkeit scheitere ich. Bei Geschlecht hatte ich dann auch prompt Weiblich angekreuzt.

Etwa zehn nordkoreanische Grenzbeamte steigen ein. Nur in meinen Waggon, wohlgemerkt. Sie tun streng und sehen auch so aus, tragen Uniformen und Waffen. Aber die Wörter "Germany" und Deutschland haben eine positive Wirkung. Manche freuen sich sogar, als sie erfahren, woher ich komme. Ich fülle gebe meinen Pass ab, ein Soldat inspiziert meine benutzte Unterwäsche. Ein andere blättert in meinen Büchern, Seite für Seite. Und er will die Handyfotos sehen. Wie blöd, dass jetzt gerade der Akku leer ist. Sichtlich frustriert zieht er von dannen.

Drei Stunden Wartezeit. Ich sterbe vor Langeweile. Draußen werden allerlei Flachbildschirme aus- oder eingeladen. Und irgendwann starten wir dann den noch 10 minütigen Trip zum Grenzbahnhof Dandong. Die gleiche Prozedur, allerdings erfolgt die Abwicklung wesentlich schneller. Als ich dann eigentlich mit allem durch bin, trifft mich fast der Schlag. Beim passieren der Wärmebildkamera werde ich zurückgewunken. Ich habe Fieber. Leichtes Fieber, aber das ist hier vollkommen egal. Und was noch schlimmer ist, es ist nach 19 Uhr und kein Arzt, geschweige denn englisch sprechender Beamte vor Ort. Mit Sack und Packe werde ich in den Quarantäneraum verfrachtet. Eine zwar günstige, aber relativ unkomfortable Übernachtungsmöglichkeit. Warum nehme ich eigentlich immer die Hausapotheke mit und nutzte sie nicht. Weitere acht Stunden bleibt mir Zeit hierüber nachzudenken.

Morgens um 5 Uhr erscheint dann ein Beamter. Zwischenzeitlich hatte ich mich dann doch noch mit allerlei Produkten deutscher Pharmafirmen versorgt und konnte den erneuten Fiebertest sowohl beim Messen auch beim Durchgang durch die Wärmebildkamera-Schleuse bestehen. Um 6 Uhr morgens bin ich im Hotel. Rund 12 Stunden später als geplant.

P.S.: Am Bahnhof wollte mich niemand zum Hotel fahren. Offensichtlich lohnt sich das nicht. Der zehnte oder zwölfte Taxifahrer erbarmt sich dann. Die drei Kilometer hätte man ja zu Fuß laufen können. Lg an H1.