Sonntag, 17. Mai - Pjöngjang

Frisörbesuch

Der Tag heute plätschert so vor sich hin. Offensichtlich ist der Reiseleitung das Programm ausgegangen, denn manches wollte ich nicht sehen, während das eine oder andere einfach kurzfristig gecancelled wurde. Wir fahren heute ins Disneyland mit Miniaturbauwerken von allen Koreanischen Highlights. Die geplante zwei Stunden Führung kürze ich auf 30 Minuten und bevorzugen stattdessen die Einladung zu einer Joghurt-Reisschnapsvariante im benachbarten Lokal. Das Zeugs schmeckt dermaßen eklig, so dass sich erstmal eine Runde Bier spendiere. Blöd nur, dass die mir auf meinen 5 Euro Schein bei der 2,50 Euro Rechnung nicht rausgeben können. Also bestelle ich Bier, bis die 5 Euro aufgebraucht sind und nehme mir vor, beim nächsten Mal gleich einen 10 Euro Schein auf den Tresen zu legen. Dann können wir etwas länger sitzen. Der Bedienung war das sichtlich unangenehm, so dass sie umgehend eine kleine Entschädigung vorbereitete. Maispfannkuchen. Mais, Gemüse, Fleischbröckchen mit Mehl angerührt. Quasi eine Nordkoreapizza. Kann man essen, muss man aber nicht.

Auch der folgende Agendapunkt war eine eher zweifelhafte Dokumentation. Und zwar eine des Rückschritts. Die Produkte in den Messehallen der Drei-Revolutionen-Ausstellung in Pjöngjang sind hoffnungslos veraltet, wie man auch als Laie unschwer erkennen kann. Jede Menge Schwerindustrie, Bodenschaftgewinnung und Landwirtschaftsprodukte sind zu sehen, doch alle vermitteln den Charme der 50er Jahre. Gut – man will zeigen, was man hat und man hat eben nicht mehr. Allerdings täte es der Wirtschaft vielleicht auch gut, wenn das eine oder andere Produkt wie ein Traktor beispielsweise auf dem Feld eingesetzt würde, statt hier herum zustehen. Traktoren auf dem Feld sind hier sowas wie tanzende Bären auf der Kirmes – eher selten anzutreffen. In einem dem Planeten Saturn nachempfundenen Gebäude steht dann allen Ernstes eine Rakete, mit denen das Regime bisher drei Satelliten in den Weltraum beförderte. Für Unsummen an Geld, was anderswo fehlt. Und was diese Satelliten für eine Aufgabe haben? Sie sollen Bodendaten erforschen. Vermutlich geht es hier aber nur ums Prestige.

Dafür konnte ich heute kurz ausbüchsen, was ja eigentlich streng verboten ist. Denn vom Beginn der Reise an bekomme ich eingetrichtert, dass ich nichts allein machen darf. Beim Essen mal unauffällig etwas früher aufstehen. Ein kurzer Ausflug  führte mich in ein Geschäft, in dem man Fernseher kaufen kann, dann habe ich habe eine Bude gefunden, die CDs anbietet, und einen Stand, der Comics verkauft. Ziemlich bieder geht es in den Frisiersalons der Hauptstadt zu. Was auch daran liegt, dass der Staat die erlaubten Frisuren für Frauen und Männer offiziell vorgibt. Und strikt darauf achtet, dass Männer in Frauensalons nichts zu suchen habe. Als ich da meine Rübe mal reinstreckte, kam das einem mittleren Aufstand gleich. Unbändiges Gekreise ließ mich sofort die Flucht ergreifen. Einfacher ist es bei den Männern. Für männliche Studenten gilt übrigens frisurentechnisch der neuesten Einheitsschnitt. Die sollen sich nämlich Sie sollen sich am Obersten Führer Kim Jong Un orientieren, also sich die Seiten rasieren und das Deckhaar stramm scheiteln. Setzt natürlich voraus, dass man noch welches hat.

Später gehen wir in einen Park. Es ist Sonntag und es herrscht eine ausgelassene Stimmung. Man sieht, was man nicht sehen soll: betrunkene Menschen, aber auch Familien, die im Park grillen. Alltag eben. Dann kommt einem Nordkorea auch nicht viel anders als andere Orte auf dieser Welt vor …

Denn wir sind auf dem Weg in ein Konzert. Von einer Band war die Rede, was dann auf der Bühne stand, war eher ernüchternd. Zwei Stunden wurde eine Propagandashow abgefeuert mit Melodien, die jedem Musikantenstadel zur Ehre gereicht hätten. Alles laut, stimmgewaltig und irgendwie das gleiche Schema. Aber im Hintergrund Bilder und Filme aus dem Koreakrieg, Panzer, Soldaten, der heilige Berg Paektusan, Aufmärsche und natürlich die drei „Führers“ in allen Variationen. Zwanzig Euro hat der Spaß gekostet, wobei es wohl eher um einen Touristenpreis handelte, denn für die Anwesenden hier wären das fast drei Monatsgehälter. Und vermutlich habe ich für meine Aufpasser die Tickets noch mitbezahlt.

Dennoch war es gut, mal unter die Einheimischen zu kommen, was daran lag, dass man hier nicht mit Devisen bezahlen konnte. Ich gönne mir eine verzuckerte Chemie-Limo mit tausenden Kalorien, aber sonst hatten die hier nichts.

Der Abend endet dort, wo jeder Abend endet. In der Kneipe. Und hier dudelt jeden Abend einer der beiden Staatssender. Wer es gewohnt ist, nach einem anstrengenden Arbeitstag die abendlichen Nachrichten für ein kurzes Nickerchen zu nutzen, der sollte auf keinen Fall einschalten. Denn die Sprecherinnen tragen die Nachrichten nicht nur einfach vor. Sie schreien im stakkato. Mit bösem Blick und in schimpfendem Tonfall wird gerade verkündet, dass „die Führung der Demokratischen Volksrepublik Korea sich von den Tiraden der Imperialisten nicht einschüchtern lassen“ werde. Beim letzten Wort hebt sie kämpferisch die Faust. Ein schwedischer Tourist meint, die Damen wirken furchteinflößender als Nordkoreas Atombombe.

P.S.: Meine nordkoreanischen Geldscheine habe ich dann doch noch bekommen. Als Gegenleistung für die Rückgabe der beim Billard gewonnenen Busfahrer-Tochter. Lg an H1.