Samstag, 16. Mai - Pjöngjang

United Kim-Dom

Möchten Sie für den geliebten Führer Blumen niederlegen? Diese Frage wird bei jedem Besuch eines Denkmals der Kim-Familie gestellt. Auch Touristen müssen sich vor den Statuen zumindest verneigen. Ganze Kunstausstellungen sind einzig gefüllt mit Hunderten gemalter Huldigungen: ein Kim allein vor der Sonne. Großvater Kim mit Sohn auf dem Arm. Umjubelt inmitten der Armee. Hoch zu Pferd. Stehend oder sitzend. Oder bei einer der berühmten Belehrungen von Bauern, Ingenieuren und Ärzten. Alles und jedes kann der Herrscher persönlich besser als jeder Fachmann, so die Botschaft. Wirtschaftspolitisch wie psychologisch eine Katastrophe. Denn niemand wagt zu widersprechen. Tagtäglich marschieren Gruppen von Nordkoreanern vor diesen Denkmälern auf, legen Kränze und Blumen ab, stellen sich in Formation auf und verneigen sich.

Gut, Blumen habe ich nicht gekauft, dafür mache ich beim Verneigen mit. Allerdings beim größten Monument auf dem Mansudae Hügel, werde ich nicht mal ansatzweise herangelassen. Warum ? Vor 5 Jahren stand dort der große Führer als 20 Meter hohe Bronzestatue, dann gesellte sich noch sein Sohnemann nach dessen Tod 2011 hinzu. Flankiert wird das ganze von roten Marmorfahnen inmitten unzähliger Soldatenskulpturen aus dem Koreakrieg. All das steht auch heute noch, nur die Führer werden gerade gewartet. Sprich sie sind in eine einzige gelbe Plastikfolie gehüllt wir derweil der von Christo verpackte Bundestag. Ok, war damals Pink, aber mußßte sofort dran denken..

Mit nordkoreanischen Führern darf man ja so einiges nicht. Die von hinten auf Briefmarken abschlecken, Zeitungen mit deren Konterfeis knicken und natürlich auch nicht gelb vermummte Statuen fotografieren. Nun ist ja ein Verpackungsfoto in Pjöngjang ungleich interessanter als das im Internet überall zu bestaunende Original.

Während die Reiseleitung noch rät, lieber aus dem Auto zu fotografieren entscheide ich mich für den direkten Weg. Es ist Samstag und da sind nicht so viele Polizisten unterwegs. Aber es kam, wie es kommen musste. Ich fotografiere unter der Hand, da kommt das Militär wie aus dem Nichts hinter einem Busch hervorgesprungen. Die Fotos durfte ich natürlich an Ort uns Stelle löschen. Blöd nur, dass die Jungs nicht wussten, dass man die Aufnahmen ja wieder aus dem Löschordner zurückholen kann.

Die Spaziergänge und das unendliche Kutschieren in Pjöngjang lassen einige Eindrücke zu. Es gibt sicherlich keine Slums, die Leute leben in Wohnsilos, vor denen große Bilder der beiden Kims stehen. Dass dort auch im tiefsten Winter nicht geheizt wird, kann man von außen nur daran erkennen, dass viele Fenster mit Pappen verbarrikadiert sind. Die Bausubstanz ist weitgehend marode, einige neue Hochhäuser wurden stilgerecht in Szene gesetzt. So sieht das Dach zweier Hochhäuser wie ein aufgeschlagenes Buch aus. Klar – denn hier sollen Personen wohnen, die wohl irgendetwas mit Literatur zu tun haben. Hier und da sieht man kleine Geschäfte mit Kleidung, Obst oder Bierflaschen. Ein blau-gelbes Logo über dem Schaufenster weist darauf hin, was er zu kaufen gibt, oder was man im Idealfall erwerben könnte. An Straßenecken ist über die letzten Jahre viele kleine Kioske entstanden, die Blumen, Kekse oder Limo verkaufen. Früher machten dies Frauen von Dreiradfahrrädern aus. Fortschritt a la Pjöngjang.

Für deren Oberschicht, sprich die Parteibonzen gibt es allerdings gut bestückte Läden, in denen man mit Euros schottischen Whiskey, deutschen Wein und Schweizer Schokolade kaufen kann. Preisniveau: 10 Euro für das Nutella-Glas. Einmal fühlte ich mich an einen kleinen Supermarkt erinnert und kaufe eine Schachtel Kekse. Renner sind hier die Kinder-Riegel, die natürlich ausverkauft waren. Dann besuchen wir ein Kaufhaus, wo es für deutsche Verhältnisse viel Plunder zu kaufen gibt. Die älteren Wetterauer kennen noch das Kaufhaus Langer in Friedberg. So ungefähr sah es dort aus.

Doch der überwiegende Teil des Volkes lebt von den unregelmäßigen Essensrationen und einem Standardgehalt von 5000 Won im Monat, die man auf dem Schwarzmarkt in zwei Euro umtauschen kann. Ich durchschaue immer noch nicht so richtig, wovon die Nordkoreaner in den riesigen Wohnsilos eigentlich leben. Ohne den Schwarzmarkt läuft hier vermutlich jedenfalls gar nichts.

Am Nachmittag geht es in die Pjöngjanger Entbindungsklinik. Der Chef der Klinik nimmt sich eigens Zeit, um mir die relativ neue Einrichtung zu erklären. Lustig wird es, als ich per Sprechanlage für werden Väter mit dem Raum für gerade gewordene Mütter verbunden werde. Freundliches Winken allenthalben. Die Technik ist massiv veraltet, nur in der Mammografie finden sich moderne Geräte von Siemens. Wir besuchen die Krankenstation. Vor einem Bett stehend erklärt man mir, dass hier der aktuelle Führer persönlich drauf gesessen hat und per Klingelknopf die Krankenschwester herbeigerufen hat. Kurzentschlossen setze ich mich stilgerecht im Arztkittel auch aufs Bett und klingele. Kurz darauf erscheint die Krankenschwester.

P.S.: Mein Kommentar auf dem Bett sitzend: Sehen Sie, was der liebe Führer kann, kann ich auch. Sollte der mal krank werden, könnt ihr mich gerne als Vertretung vormerken. Was der Praktikant dann der Krankenhausleitung übersetzt hat, wir werden es wohl nie erfahren.