Freitag, 15. Mai - Nampo

Der Pin vom Kim  

Heute zunächst wieder an Ausflug zur arbeitenden Bevölkerung. Wir biegen von der meist leeren, achtspurigen Autobahn zu einer Fabrik für Mineralwasser ab. Einführung in die Wirtschaft des Landes. Die hier vorherrschende Juche-Ideologie heißt frei übersetzt "alles selber produzieren". Wobei man das für die Wasserflaschenabfüllung ja eigentlich voraussetzen sollte. Immerhin kommt die Anlage aber aus Italien. Zehntausend Flaschen laufen hier pro Stunde vom Band, um überall den Durst der Werktätigen zu löschen, sprudelt es voll Stolz aus dem Chef heraus.

Das Wasser ist nicht schlecht und im Gegensatz zu dem überall in Plastikflaschen erhältlichen Wasser mit Kohlensäure versetzt. In der Abfüllhalle rattern Flaschen über ein altertümliches Band. Kippt eine um, was oft vorkommt, muss ein Arbeiter schnell das Band anhalten. Sieben Arbeiterinnen blicken gelangweilt den Flaschen hinterher. Gleich zweimal während des Besuchs fällt der Strom aus. Weitere Mitarbeiter, Lastwagen oder Packstationen sind nicht zu sehen. Dafür zeigt eine digitale Anzeige, wie oft die geliebten Führer der Kim-Dynastie diese Fabrik bisher besucht haben: 342-mal.

Weiter geht es jetzt auf der "Straße der jungen Helden" in die Hafenstadt Nampo. Die 43km lange Straße wurde innerhalb 2 Jahre von jugendlichen Freiwilligen ohne Maschinenhilfe als achtspurige Autobahn ausgebaut. So schön breit wie die Straße ist, so schlecht ist auch ihr Belag. Eine Buckelpiste ist nichts dagegen. Da es ja eh keinen Verkehr gibt, hätte ein zweispuriger Ausbau auch gereicht – aber mal liebt es hier eher monumental.

Weiter geht’s zum 15km langen Westmeerstaudamm. Den hatte ich zwar 2010 schon gesehen, doch es war eine gute Gelegenheit raus aus Pjöngjang zu kommen und auf dem Land zu übernachten. Der Staudamm trennt das Meer- vom Flusswasser und dient damit auch dem Hochwasserschutz. Natürlich hatte Führer Nr. 1 Kim-Il-sung selbst die Idee gehabt für den Staubdammbau und den Originalton „Bauschaffenden und Ingenieuren auch die Knoten in ihren Köpfen entwirrt“, wenn es beim Bau mal nicht so rund gelaufen ist..

Irgendwann kam dann auch noch eine Nordkoreanische Besuchergruppe. Und einer der Jungen wollte sich sogar fotografieren lassen. Wurde aber nix, schneller als meine Kamera war der Anschiss durch die Aufpasser vor Ort. Zurück ging es dann wieder über die breiteste Buckelpiste der Welt.

Ab Abend vorher hatten wir wieder Billard gespielt und dieses Mal konnte ich den heiß begehrten Pin von Kinm Il Sung ergattern. Sowas muss hier jeder jeden Tag tragen. Touristen bekommen diesen weder im Land noch auf dem chinesischen Schwarzmarkt, da das Tragen der Anstecknadel eine Auszeichnung ist. Allerdings haben 65-jährige Busfahrer im Laufe ihrer Karriere einiges an Pins angesammelt, so dass man da auch mal einen beim Glücksspiel entbehren kann. Gut – Billard ist ja eigentlich kein Glücksspiel, aber für uns beide war es das schon.

Übrigens: In den Hochhausschluchten Kleinstädten herrscht abends totale Finsternis. Nur Monumente der Kims, Standbilder oder Revolutionstafeln sind beleuchtet. Die Leute sparen Strom, erfahre ich in vollem Ernst. Ein Heer grauer Menschen wuselt umher, sammelt Brennholz, andere schleppen Kohlköpfe oder schultern riesige Säcke, um sie zu Ochsenkarren zu schleppen, die an den Feldern warten. Manche sind mit Taschenlampen ausgerüstet. Lebensmittelgeschäfte sieht man keine. Vor kleinen Suppenbuden stehen die Leute Schlange.

In Pjöngjang angekommen ging es zum Kim-Il-Sung-Platz, wo sonst die großen Militärparaden stattfinden. Mit der Reiseleitung hatte ich ausgiebige Spaziergänge in der Innenstadt verabredet. Was zwar nicht gern gesehen, aber möglich ist. Allerdings musste sich die Reiseleitung jeden Abend um Ausnahmegenehmigungen für mich bemühen, während ich mit Busfahrer und Praktikant einen becherte.

Danach fuhren wir direkt zum sogenannten Kinderpalast. Hier bleiben die Kinder von Montag bis Samstag und werden mit asiatischer Disziplin ausgebildet, manch einer würde sagen dressiert. In den Räumen wird viel auf Klavier, Akkordeon und Trommel, aber auch auf landestypischen Instrumenten musiziert. Anderswo wurden Kalligraphien erstellt, gestrickt, gewebt oder gemalt. Und eine Jungpionierin begrüßte mich standesgemäß. Später gab es noch eine theaterähnliche Vorstellung, die ich teils auf Video mitgeschnitten habe. Anschauen lohnt sich.

P.S.: In Pjöngjang benötigt man keinen Wecker. Morgens um 5 und um 6 Uhr tönt atemberaubende Musik aus Lautsprechern durch die Straßen. Was der morgendliche Weckruf denn soll, frage ich. Die Antwort: Die Leute für die Arbeit begeistern! Lg an H1.