Donnerstag, 14. Mai - Pjöngsong

Die Billard - Braut

Der vergangene Abend hatte es in sich. Und zwar für drei Leute – den Busfahrer, seine Tochter und mich. Erstmals hatten wir auf dem Land übernachtet und verbrachten so einen gemeinsamen Abend zu viert. In der Hauptstadt kommt man außer dem Barpersonal ja nicht mit der einheimischen Bevölkerung zusammen hier schon. Zwei Ziele hatte ich nachwievor im Auge, einen Kim Il Sung Pin und nordkoreanische Geldscheine zu ergattern. Und das macht man am Besten mit reichlich Alkohol. Und dem war unser Busfahrer reichlich zugetan. Ein Vergnügen ist das allerdings nicht. Hier auf dem Land schmeckt das Bier zwar so wie zu Hause, aber an Hochprozentigem gab es nur einen ziemlich übel schmeckenden Getreideschnaps. Wird vermutlich nachts im Keller gebrannt.

Zu meinem Pin oder zu Bargeld bin ich allerdings nicht gekommen. Dafür habe ich anderweitig das große Los gezogen. Aber von vorne. Nach reichlich Bier und Korn, der natürlich immer von mir bezahlt wurde, hatten wir uns privat schon etwas verständigt. Der Fahrer erzählte von seiner Familie, zeigte Fotos von seinen – unverheirateten - Töchtern. Als dann mal wieder die Lage Flüssiges alle war, schien es selbstverständlich für alle, dass ich mal wieder zur Theke einkaufen ging. Dies mal drehte ich aber den Spieß um. Mangels Karten oder Würfelbecher musste ich allerdings auf die benachbarten Billardtische ausweichen. Billard ist jetzt nicht gerade mein Passion, aber gegen meinen angeheiterten Busfahrer schien mir das eine gute Option zu sein.

Gesagt getan: Verliere ich, hole ich Bier und Schnaps (was ich eh hätte tun müssen), verliert er bekomme ich seine älteste Tochter. Auf die Frage, ob da denn nicht um unterschiedliche Einsätze gespielt würde, antworte ich konsequent. Seine liebe Tochter sei ja schließlich beim Militär und wenn „der ganze Plunder mal irgendwann die Wupper runter geht, dann sind die die ersten, die entlassen werden. Und dann habe ich die den ganzen Tag bei mir zu Hause und werde herumkommandiert.“ Ich weiß nicht, was der Praktikant übersetzt hat, aber es hat gewirkt.

Das Spiel konnte los gehen. Und es kam wie es kommen musste: Ich habe trotzdem Bier geholt und hatte die Tochter beim Billard gewonnen. Beim Frühstück am folgenden Morgen konnte sich eigentlich weder der Fahrer noch ich genau an diese Einzelheiten erinnern. Nur der Praktikant hatte die Einzelheiten noch drauf und fing munter an zu plaudern. Während mein Fahrer nun doch ein Problem aufkommen sah, was meine Position mehr als klar: Spielschulden sind Ehrenschulden. Den ganzen Tag über sollte uns meine neue Braut immer wieder beschäftigen.

Am Abend brach der Vulkan dann aus. Wir hatten wieder einiges intus und die Tochter rief an. Das tut sie immer, um dem lieben Fahrer erfolglos mitzuteilen, dass er doch nicht allzuviel trinken solle. Genervt fron den Belehrungen und einige Körnchen im Blut redete er Tacheles: Das mit dem herumkommandieren hat sich sowieso bald erledigt, sie sei seit gestern eh unter der Haube. Was dann folgte, war einem Vulkanausbruch ebenbürtig. In einer über Handy noch nie gehörten Lautstärke machte diese ihrem Unmut Luft. Übersetzung des Praktikanten: Ist wohl noch nicht ausdiskutiert.

Der Tag begann schon mit einer kuriosen Situation. Ich saß bereits im Bus, als ich auf einmal zurückgerufen wurde. In der Lobby stand aufgelöst die eine Koreanerin alarmierte mich, dass ich mein Jogginghöschen im Zimmer vergessen hätte. Und obwohl ich mich umgehend auf dem Weg nach oben machte, um das gute Stück zu holen, wich der Ausdruck von Fassungslosigkeit nicht aus ihrem Gesicht. In ihren Augen habe ich offensichtlich grob verantwortungslos gehandelt. Ob das was mit dem Amerikaner zu tun hat, der in Nordkorea angeblich nur deswegen einsitzt, weil er eine Bibel auf dem Zimmer vergessen hat?

Heute standen wie immer mehrere Programmpunkte an: eine Kooperative Farm, ein Schleusensystem und der Besuch einer Mineralwasserfabrik.

Auf der ländlichen Fahrt durch konnte man sehen, dass es außerhalb der Hauptstadt ziemlich ärmlich zugeht. Verrostete Kräne, verfallene Fabrikgebäude und Häuser an denen seit Errichtung vor Jahrzehnten nichts gemacht wurde. Dennoch wird jeden Tag der liebe Führer auf Seite eins der Zeitung abgebildet, wie er die nächste Superfabrik besichtigt und schlaue Ratschläge gibt.

In der Kooperative angekommen herrschte rege Betriebsamkeit. An jeder Ecke hämmerte und klopfte es. Zunächst wurde ich vor eine gigantische mindestens 10 m breite und 3 m hohe Natursteintafel geführt, auf der die weisen Ratschläge des Führerpersonals in güldenen Lettern nebst ihrer Konterfeie für die Nachwelt festgehalten waren. Vom Führer Senior stammte unter anderem der Ratschlag, die Landwirtschaft zu maschinisieren ("Müsst Ihr Traktoren kaufen!"). Ja - da wäre man nicht selbst darauf gekommen. Das ist natürlich gleich eine Gedenktafel wert, die allein schon drei Traktoren gekostet hat. Auf die zustimmend-nickend vorgetragene Frage, ob es denn hier auf der Farm sicherlich auch entsprechend viele Traktoren gebe, wurde mit "ja" geantwortet - und tatsächlich: Minuten später fuhr wie auf Bestellung auch ein etwas älteres Modell vorbei, auf dessen Ladefläche drei abgerissene Gestalten Platz gefunden haben. Der Traktor war die einzige funktionierende landwirtschaftliche Maschine, die ich in sieben Tagen gesehen habe. Dass sie ausgerechnet zum Einsatz kommt, um drei Bauern zu transportieren, wo hier doch alle so gut zu Fuß sind ...

Überhaupt: es wurde zwar an allen Ecken gearbeitet, aber alle waren nur mit Ausbesserungs- und Reparaturarbeiten beschäftigt; keiner betrieb wirklich Ackerbau oder Fischzucht. Geschweige denn, dass einer der Bauern, die dort wohnen, mal auf die Idee gekommen wäre, das benachbarte Schwimmbad zu benutzen.

P.S. Lustig war‘s im Kindergarten der Kooperative. Die kleinen tanzten Ringelrein. Bis ich dann mittanzen musste. Die Nordkoreaner haben ja sonst nicht viel zu lachen. Lg an H1.

 

P.S.: