Mittwoch, 13. Mai - Panmunjom

Grenzgang mit Sahne

Der gestrige Abend hatte weniger Nachwirkungen als vermutet. Nur mein Praktikant hatte heute doch erhebliche Probleme, sich auch nur auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Russen habe ich nicht mehr gesehen, sind aber hoffentlich nicht in irgendeinem Arbeitslager im Norden des Landes gelandet. Und der Bayer im Pool war heute Ortsgespräch in Pjöngjang. Jedenfalls, wenn man der Reiseleiterin so zuhört. Die wusste zudem schon, wie die Bayern gestern gegen Barcelona spielten. So unwissend ist das Land der Unwissenden dann doch nicht. Unangenehme Vernehmungen wie 2010 gab es bis dato allerdings noch nicht. Wozu auch beigetragen hat, dass wir heute die Hauptstadt verlassen und schon in aller Frühe den Rucksack packen mussten.

Heute stand die DMZ, die 4 km breite demilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea auf dem Programm. Die 160 Kilometer lange fahrt führt über acht bis zehnspurige autofreie Autobahnen. Auf der gesamten Strecke habe ich vielleicht zehn Fahrzeuge gesehen, ansonsten tausende von Quadratmetern asphaltierte Fläche. Vermutlich wurden die Autobahnen auch nur gebaut, falls man nach 1950 wieder einmal ohne Visum nach Südkorea einreisen möchte. Mit schwerem Panzergerät versteht sich.

Unterwegs und mitten im Nichts sehe ich aber massenhaft Leute, die zu Fuß unterwegs sind, ohne dass erkennbare Siedlungen in der Nähe gewesen wären. Wohin diese wanderten, ist mir vollkommen unklar. Auch was die sporadisch auftauchenden Arbeitskommandos für einen Auftrag hatten, erfuhr ich nicht. Vermutlich Beschäftigungstherapien, denn im Kommunismus gibt es ja per definitione immer Vollbeschäftigung – auch wenn keiner was zu tun hat. Vereinzelt wurde mit kleinen Scheren Gras auf der Straße geschnitten, wurde irgendwas in Büschen gesammelt und geschnippelt. Ganze Soldatenbrigaden graben und hacken im Morast, ohne dass ich einen Sinn geschweige denn ein Bauprojekt erkennen konnte.

Angekommen in Panmunjom sehe ich einen riesigen Touristenladen, den ich natürlich gleich unter die Lupe nehme. Ein Pjöngjang T-Shirt, zwei stalinistische handgemalte Poster und einen Schlüsselanhänger konnte ich ergattern. Was mit jetzt noch fehlt sind nordkoreanische Geldscheine, die man als Ausländer nicht zu sehen bekommt geschweige denn besitzen darf unf einen Pin des großen Führers, den hier jeder an die Klamotten geheftet bekommt.

Wir stehen nun vor einem 3 Meter hohen Gedenkstein und die Führerin erklärt, dass er / Meter hoch ist. Das kommt daher, dass sieben Stunden nachdem der große Führer hier ein Dokument unterzeichnet hat Ihn das Zeitliche segnete. Verstehen muss man das natürlich nicht.

Die DMZ ist eigentlich unspektakulär. Ich schaue mir die bekannten blauen Baracken an, in deren Mitte sich Korea teilt. Man kann dann quasi mit einem Fuß in Nord- und mit dem anderen in Südkorea stehen. Den südkoreanischen Ausgang bewachen zwei weniger freundlich dreinschauende Soldaten, mit denen man sich zumindest fotografieren lassen kann. Leider war mein Fotograf heute so schlecht drauf, so dass ich die meisten Fotos wieder löschen konnte. Immerhin habe ich aber den hier leitenden Offizier mit aufs Bild bekommen. Was der sonst eigentlich nie macht. Aber der gute war der Bruder der Reiseleiterin und da musste der dann durch.

Zuvor haben wir noch eine andere, vorgelagerte Baracke besichtigt, in dem der Waffenstillstandsvertrag unterzeichnet wurde. Interessanterweise geht es hier doch alles in allem lockerer zu, als auf der südkoreanischen Seite. Dort ist wohl immer noch etwas Paranoia im Spiel. Dort ist Fotografieren und Rauchen verboten, hier im Norden schert sich keiner drum. Besonders die chinesischen Touristen sorgten durch ihr übliches Gedrängel, Gequalme Missachtung der Fotografierverbote eher für Betriebsausflugsstimmung.

In Wonsan machen wir einen Zwischenstopp. Auf das örtliche Museum habe ich keine Lust, zudem glückelicherweise der einzige und bestellte Führer in der Mittagspause war.

Bemerkenswert waren allerdings die spontanen Feierlichkeiten auf der Grünfläche neben dem Museum. Gruppen von bis zu zehn Leuten picknickten, tranken Bier und sangen fürchterlich mit Mikrofon und Verstärker. War Wohl irgendein Gedenktag, von denen es hier mehr als hundert gibt. Ob dies Feierlichkeiten wirklich spontan waren, weiß ich nicht. Aber ich glaube, für Bier trinken, Picknick und ein bisschen Singen braucht es nicht viel Zwang - wenn die Alternative Gras schnippeln ist.

Auf dem Rückweg wurde ich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, ins "Helmut Sacher Wiener Kaffeehaus" einzukehren am Kim Il Sung Platz einzukehren. Na freilich – nix wie rein. In den drei kleinen Räumen langweilten sich sage und schreibe acht junge Mädels und eine etwas ältere Dicke mit der Spezialausbildung zum Geldwechseln. Für gepflegte 4,50 Euro und unter dem fürchterlichen Gedudel Wieder Walzerklänge habe ich mir auch einen Kaffee mit Schlagsahne gegönnt. Der wurde von einer niedlichen Nordkoreanerin immerhin mit einer richtigen Bistro-Kaffee-Maschine gezaubert.

Danach bin ich im angeschlossenen Laden auf der Suche nach einem Eis fündig geworden … dass da so knapp seit zwei Jahren gelagert war. Kuchen gab es nicht im Wieder Kaffehaus, dafür stellte man halt das, was man hatte, gleich dutzendfach ins Regal. Was dazu führte, dass fast alle Vitrinen mit Bockwurstgläschen aus Deutschland vollgestellt waren. Auf eine zimmertemperierte Bockwurst habe ich dann aber verzichte, zumal ich ja schon mit meinem unverschämt teuren Kaffee acht Arbeitsplätze und den der Wechseltante für den nächsten Monat gesichert hatte.

P.S.: Am späten Nachmittag wollten wir noch eine Schule in Pjongsong (nicht zu verwechseln mit Pjöngjang) besuchen. Schüler waren aber keine da - mussten alle aufs Feld Reis anbauen. Quasi Heimatkunde zum Anfassen. Lg an H1.