Dienstag, 12. Mai - Pjöngjang

Schneewittchen im Doppelpack

Nach etlichen abendlichen Bieren in der Mikrobrauerei des Hotels, standen am nächsten Tag die ersten Highlights auf dem Programm: Es ging ins Mausoleum, das Kriegsmuseum und … zum U-Bahn-Fahren. Der Reiseleiterin war die Anspannung sichtlich anzumerken, schließlich hätte sie dafür gerade stehen müssen, hätte ich mich daneben benommen. Wenn sie zu diesem Zeitpunkt gewusst hatte, was am Abend noch passieren sollte.

Natürlich war ich brav und habe mich vor den großen Führern jeweils dreimal verbeugt. So verlangt es das Protokoll. Zunächst wurde man durch einen schreinartigen Eingang mit propagandistischer Musikuntermalung geführt und vor dem Betreten des Mausoleums selbst regelrecht desinfiziert. Der Aufbau war bei beiden verblichenen Potentaten jeweils gleich: Zuerst defilierte man am Schneewittchen-gleich eingehausten Leichnam vorbei (Koreanerinnen fangen hier an hörbar zu schluchzen) und im nächsten Raum waren dann sämtliche Auszeichnungen ausgestellt, die den beiden jemals zuteil wurden. Hier wurden dann auch noch die letzten Phantasie-Orden aus mit Riesenfoto dazu präsentiert. Und tja, und im nächsten Raum stand dann ein ganzer Zug! Weil die Herren an Flugangst leidend doch so gerne mit der Bahn gefahren sind. In Pjöngjang gibt’s schließlich auch keinen Bahnstreik. Damit will ich’s auch belassen, sonst denkt jemand, mir gefällt diese groteske Veranstaltung auch noch. Fotografieren war eh verboten.

Apropos Zug. Danach ging’s zum U-Bahn-Fahren. Die fünf Stationen, die ich zu Gesicht bekam, erinnerten alle stark an die Moskauer Metro, nur dass da nicht an jedem Eingang eine überdimensionales Führerstatur steht. Oder stand, Väterchen Stalin hat sich damals bestimmt auch verewigen lassen. Die Bahnen selber stammen übrigens aus Westberlin - bin wohl in den 80ern selber noch drin gefahren. Nur hing damals nicht Kim Jong Il nebst Vati über den Durchgangstüren.

Weiter ging‘s zum Kriegsmuseum - einer überdimensionalen Anlage, die erst 2013 neu gebaut wurde. Prunk pur, irgendwo muss der Staatshaushalt ja verjubelt werden. Hier strahlt alles in Marmor. Eingangs hieß es, sich zum wiederholten Male vor einer Statue des Großen Führers zu verbeugen (respect our leader !!!). Erst hielt ich den Großen Führer für den "Dicken", das ist so die Bezeichnung für den aktuellen Chef. Der trägt also ganz offensichtlich die Frisur des Alten aus den Zeiten des Koreakriegs auf, um durch die so erzeugte Ähnlichkeit an Legitimation zu gewinnen. Im Museum war der Krieg durch zahlreiche Szenen sehr anschaulich dargestellt. Auf dem Dach wartete dann ein riesiges Panoramabild. Man konnte sich setzen und die Führerin setzte die Plattform in Bewegung, so dass der große Sieg, der eigentlich gar keiner war, im Vaterländischen Befreiungskrieg um einen herum gefahren wurde. Kein Quatsch: Das war propagandistisches Weltniveau.

Dann gings in eine Freianlage, wo es allerhand Kriegsmaterialen zu sehen gab: Trümmer von abgeschossenen Flugzeugen, Bomben, Panzer, ein handgeschriebenes Geständnis eines Amerikaners und die USS Pueblo, ein Schiff was die Koreaner in den 60er Jahren kaperten. Mein persönliches Highlight: "Der Baum, der Held": Der Stamm eines Baumes, der aufgrund seiner Größe Schutz geboten hat und deshalb zum Held erklärt wurde.

Abends traf ich meide Freunde vom Vortag wieder. Zwei Russen aus Wladiwostok und einen Bayern aus Passau. Bei der Herkunft der Truppe war ein gemütliches Beisammensein schon vorprogrammiert. Zudem hatte sich unser Praktikant (der Deutsch-Student) noch zu uns gesellt. Doch es kam schlimmer als erwartet. Schnaps und Bier flossen dich gewaltig, auch wenn es nicht mehr so günstig war wie vor fünf Jahren. Leider war die Kellerbar auch noch so verwinkelt, so dass ein direkter Zugang zu den Zimmern nicht ohne weiteres gegeben war. Zumindest nicht mehr mit zwei Promille.

Als alter Nordkorea-Experte kannte ich natürlich den Weg. Oder sagen wir, ich tat so. Das Problem: Wir mussten durch die Schwimmhalle. Was auch funktioniert hätte. Jedenfalls, wenns a) nicht verboten wäre und b) der Bayer aus Passau nicht drei Meter zu früh links abgebogen und ins Becken geplumpst wäre. Während die Russen ihn wieder rausholten, war das Hotelmanagement bereits in Alarmstimmung versetzt. Und ich bereits auf meinem Zimmer. Hatte das alles gar nicht mitbekommen und bin den Praktikanten im Schlepptau in den Lift gestiegen. Der war ob des vielen Alkohols etwas orientierungslos geworden und mir ins Zimmer gefolgt. Was ich natürlich auch nicht merkte und mich schon mal ins Bett legte.

Am nächsten Morgen erfuhr ich dann den Rest der Story. Das Hotelmanagement war auf der Suche nach mir (und dem Praktikanten). Ich öffnete die Tür und meine Zimmerbegleitung lehnte gerade über dem Badewannenrand und … entsorgte gerade die Nahrungs- und Getränkezufuhr der vergangenen 24 Stunden.

P.S.: Der im Pool versenkte Bayer kommt seit zehn Jahren jährlich nach Nordkorea. So feucht wär’s allerdings noch nie gewesen. Lg an H1.

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P.S.: