Sonntag, 10. Mai - Shanghai

Disneyland

Angesichts der hiesigen Bierpreise hat sich der gestrige Sturz ins Kneipenleben nicht allzu lange hingezogen. Zudem fährt hier die letzte Bahn auch sehr zeitig, nämlich um 23 Uhr. Und einen Taxifahrer zu bewegen, mich an die richtige Adresse zu fahren, ist hier immer noch eine große Herausforderung. Da mein Hotel am Hauptbahnhof liegt, ist es zwar mit allerlei Geräuschen a la husch husch möglich auf das Ziel hinzuweisen. Man kann aber dann genauso gut an irgendeine S-Bahn Station oder einer der anderen Bahnhöfe gefahren werden und dann sitzt man erst mal dumm rum.

In der Fußgängerzone erlebt man Kommerz und Konsum pur und für einen kommunistischen Staat immer wieder markant – ich sehe meist Güter für den prall gefüllten Geldbeutel. Es reihen sich Modegeschäfte, Kaufhäuser, Restaurants, Hotels und Fast-Food Ketten nur so aneinander. Natürlich gibt es auch die gefakten Produkte an jeder Ecke. Immer wieder kommen Frauen oder Männer aus dem Nichts und halten mir Prospekte unter die Nasen, in denen sie Uhren, Handtaschen oder DVDs anpreisen. Allerdings darf man den Herr- und Damenschaften dann zu einem abgelegenen Ort folgen, um dort die günstigen aber auch gefälschten Markenprodukte sichten zu können. Ich verzichte dankend.

Klamotten sind hier eh nur schwierig zu erwerben, denn die Chinesen sind bekanntlich nicht gerade die größten Leutchen auf der Welt und so wird das meiste eher zu Kindergrößen verkauft. Auffallend ist auch, dass die Shanghaier wie auch die Chinesen im allgemeinen sich untereinander aber auch dem Touristen gegen über nicht allzuviel Respekt sollen. Ob auf den Straßen, im Kaufhaus oder der U-Bahn, jeder hat nur den eigenen Vorteil im Visier und drängelt, was das Zeug hält. Eine Frau fällt mit ihrem Fahrrad am Randstreifen der Straße, niemand zuckt auch nur mit der Wimper, um ihr in der verkehrsdichten Straße wieder auf die Beine zu helfen. Und Frauen wie Männer rülpsen oder spucken den ganzen Tag in der Öffentlichkeit herum - ein sehr gewöhnungsbedürftiges Umfeld.

Den Vormittag verbringe ich in Tanzizeng, einem kleinen Künstlerviertel, allesdings total überlaufen. Später geht es dann in die Altstadt mit ihren kleinen Gassen. Zwischen den emporwachsenden Hochhäusern kann man noch ein wenig "altes" Shanghai schnuppern. Hier ist es dunkel, die höchstens zweistöckigen Häuser wirken aber auch teils Einsturz gefährdet. Wasser fließt über die Kopfsteinpflaster, Wäsche hängt an Stangen aus den winzigen Holzfenstern heraus und die Familien sitzen auf Plastikeimern zum Mittagessen zusammen.

In naher Zukunft werden aber all diese Behausungen, samt Bewohner für das neue Stadtbild weichen. Shanghai wie das übrige China auch verliert langsam aber sicher die eigene Seele. Nur noch seelenlose Wohnsilos. Daneben noch eine Lachnummer. In der sogenannten "Old Shanghai Street" erlebt das ursprüngliche China als Touristenvergnügungsviertel seine Auferstehung. Quasi Disneyland für Chinesen. Nachgebaute Häuser, in denen sich Fast-Food Ketten tummeln.

Nicht weit entfernt befindet sich Shanghai´s Billigmarkt Xiangyang. Schon aus vermeintlich sicherer Entfernung wird man von einer Menschentraube überrannt. Die Verkaufsstände vertreiben alles, was sich kopieren lässt. Von A wie Armani bis V wie Vuitton sind hier alle erdenklichen Markennachahmungen zu haben. Qualität zählt hier ohnehin nicht, wichtig ist nur der Markenname selbst. Obwohl jeder dritte Stand das gleiche verkauft, ist jeder der Beste und der Billigste und wenn der liebe Passant sich nicht aufmerksam zeigt, wird eben kräftig am Ärmel gezogen. An den Essenständen ist das auch nicht besser. Nur dass man hier die Klamotten gleich noch vollgekleckert bekommt Ich hatte einer dieser Spezies dann mal mit der Faust gedroht. Ist aber nicht zu empfehlen. Ruckzuck hatte ich eine ganze Horde Chinesen an der Backe. Da heißt es denn auch schon mal Fersengeld geben.

P.S. Die örtliche Polizei hier toleriert die Raubkopierer. Warum? Die stöbern genauso gerne nach einem Schnäppchen. Lg an H1.