Samstag, 9. Mai - Shanghai

Phantomflug nach Shanghai

Zehn Flugstunden von Frankfurt entfernt liegt sie, das ins Überdimensionale expandierende
Shanghai. Wer nach Pyöngyang will, sollte eigentlich über Peking einreisen, da aber die Chinesen jeder eigen städtebaulichen Tradition das Herz und die Seele nehmen und dies durch Wolkenkratzer-Cities ersetzten, versuchte ich auf die chinesischen Hauptstadt und reise stattdessen über Shanghai ein. Die Stadt kenne ich nicht und ein Wochenende ist sie allemal werte. Alternativ hätte ich auch über Moskau kommen können, doch den dann anschließenden Flug mit einer nordkoreanischen Klapperkiste a la Iliuschin oder Tupolev quer über Sibirien ins Reich der Kims muss ich dann auch nicht haben.

Shanghai expandiert in erschreckendem Tempo in alle Richtungen. Nach oben und in die Breite. Das ganze ist eine riesengroße Spielwiese für Architekten, Ingenieure, Städteplaner uns so weiter. Vom historischen Shanghai findet man nur noch Fetzen.

Aber alles der Reihe nach. An den Flug kann ich mich gar nicht mehr erinnern, der A380 schnurrt wie ein Kätzchen die über 7000 Kilometer. Nur beim Einchecken hatte ich Probleme, die Mitarbeiterin der Lufthansa meinte, mich gäbe es gar nicht. Hatte beim Online-Check-In bei meinem Geburtsdatum den 25. Mai 2015 eingegeben – den Ablauftag des China-Visums. Da aber auch Phantome mitfliegen dürfen, konnte es losgehen.

Flughafen Shanghai – unzählige Taxi-Schlepper versuchen mich als Kunden zu werben. Sogar seriös aussehende Agencies erklären mir professionell, warum das Gefährt in die Innenstadt ganze 80 Euro kosten soll. Und selbst bei eisernem Kopfschütteln wird’s nicht billiger. Immerhin gibt es hier sowohl eine Magnetschwebebahn, die aber nur die halbe Strecke bedient und eine U-Bahn, die angeblich zwei Stunden braucht. Ich versuche es mit der U-Bahn für einen Euro, allerdings nimmt der Automat keine Scheine und am Schalter kann man keine Tickets kaufen. Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass in Shanghai t ein bisschen englisch gesprochen wird. Aber das konnte ich gleich haken.

Da ich also keinem der herum eilenden Chinesen klar machen kann, dass sich Geld wechseln möchte, entscheide ich mich für die Schwebebahnvariante mit anschließendem Umsteigen in die U-Bahn. Mit Tempo 300 geht’s nun weiter, doch es fühlt sich an, als gondele eine S-Bahn von Bruchenbrücken nach Nieder-Wöllstadt.

Es dämmert und die nun beleuchtete Szenerie wird immer imposanter. Ich stehe am Bund, einer Uferpromenade, die mit ihrem Kolonialstil an den europäischen Baustil des 19. Jahrhunderts erinnert und blicke über den Huangpu Fluss. Diese Reihe Gebäude aus Shanghais Vergangenheit wird wohl als einziges Viertel mit geschichtlichem Hintergrund im Stadtbild verbleiben. Immerhin.

Gegenüber Little Manhattan. Und das heißt hier Pudong. Der Finanzdistrikt besticht durch mehr oder weniger gewagte Hochhausarchitekturen mit megagroßen Werbedisplays. Daneben die bunt flackernden Kugeln des Fernsehturms oder die mit Lichterketten geschmückten Touristenschiffe. Sie bringen etwas Lebendigkeit und Farbe in die Stadt. Man geht hier gerne spazieren, auch wenn irgendwie die einladende Atmosphäre einer netten Gaststätte fehlt.

Doch der Genuss der lichterfrohen Aussicht ist begrenzt. Exakt um 23 Uhr erlischt der Glanz der historischen Kolonialhäuser und eine Stunde später steht auch der Fernsehturm im Dunkeln. Also mache ich mich in die Innenstadt und damit auf die Suche nach einer Kneipe. Im Reiseführer finden sich in der 15 Millionen-Stadt immerhin zwei Adressen. Macht dann eine für jeden Abend.

P.S. Als ich dann irgendwann und ohne fremde Hilfe das dortige Brauhaus erreichte, sank der Spaßfaktor allerdings rapide gehen Null. Ein Bier 8 Euro. Na denn mal Prost. Lg an H1.

 

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P.S.: