Freitag , 2. August - On the Road

Peredajte Poschalujsta

Statt jetzt über den Sinn und Unsinn eines 36-stündigen Baseurlaubs in Batumi nachzugrübeln, konzentriere ich mich lediglich auf die Rückfahrt nach Tiflis. Zudem ist Batumi ein reiner steiniger Strand, der ohnehin nur für eingefleischte Baderatten geeignet ist. Am Nachmittag mache ich mich auf die Socken und suche mir ein Gefährt. Bus oder Marschrutka, das ist hier die gängige Alternative, wobei eine Marschrutka immer und überall losfährt, während ein Bus zwar kürzere Fahrtzeiten beinhaltet, aber so kurzfristig meist ausgebucht ist. Der Durchschnitts-Georgier ist mangels knapper Kassen in der Regel per öffentlicher Verkehrsmittel unterwegs.

Die Marschrutka, abgleitet vom deutschen Wort Marschroute ist kein Taxi, aber auch kein richtiger Bus. Sondern ein Sammeltaxi, das jeden zu jederzeit mitnimmt und das zu allen Zwecken der Beförderung und weder Schlaglöcher, Staus oder fehlenden Asphalt scheut. Da gibt es erst einmal den Fahrer, quasi den Superheld auf der Straße. Er kann einhändig fahren, mit der Schwiegermama telefonieren, das Geld von den Fahrgästen einsammeln und Rückgeld geben und dabei seinen rechten Arm in unnatürliche Stellungen bringen. Er kann die gegebene Summe am Gewicht der Münzen abschätzen und gleichzeitig Fragen zur Fahrtroute beantworten. Und das alles, selbstverständlich, bei maximal möglicher Geschwindigkeit. Manchmals fährt er auch freihändig, wenn gleichzeiting das Telefon klingelt und die Zigarette angezündet werden muss. Und meist schaut er eh nicht nach vorne, da er sich mit den Leuten auf der Vorderbank unterhält und mit denen Gesicht zu Gesicht kommuniziert,

Mit einem Affenzahn fährt er die Strecke entlang, als ginge es um Leben und Tod.  Anfangs noch lustig  wird das Ganze nach einiger Zeit zur Tortur. Denn irgendwann werden die Straßen immer enger und die Überholmanöver immer halsbrechericher. Die Busse überholen sich gegenseitig mit 2-3 km/h Unterschied, sodass der Überholvorgang unendlich dauert. Solange es zwei Spuren pro Richtung gibt, unproblematisch. Doch irgendwann wird die Strasse insgesamt zweispurig. Die Busse überholen sich nun gegenseitig und rasen auf der Gegenspur eine gefühlte Ewigkeit aufeinander zu. Einige Überholversuche enden so knapp, dass die Außenspiegel erheblich ramoniert waren.

Glauben wir. Der Busfahrer hingehen macht eher einen gelangweilten Eindruck, er muss definitiv einiges an Valium intus haben oder ist unglücklich verheiratet und möchte sich das Leben nehmen. Vermutlich gilt aber nur eins für ihn: Zeit ist Geld. Und so fahren wir die fast 400 km nicht auf der Autobahn, sondern schön die Landstraße entlang. Gerade vor Autobahnauffahrten habe ich die Hoffnung, dass er dann doch mal auch die Auffahrt nutzt. Er hält aber nur kurz an, um einen weiteren Fahrgast mitzunhemen. Denn vor solchen Auffarten sind die besten Geschäfte zu machen.

Am Ende war ich sogar froh, dass wir meist Landstraße fuhren, denn die letzt 100 Kilimeter vor Tiflis waren ein Husarenritt sondersgleichen. Bei Anbruch der Dämmerung geschieht das nicht mehr vermutuet: Wir biegen auf die Schnellstraße ein. Erlaubt sind 90 km/h, wir fahren laut Anzeige der Geschwindigkeitsmessung auf der Autoban bis zu 165 km /h. Nicht nur dass die Hinweisschilder auf Radarfallen so geflissentlich ingnoriert werden, die Polizei würde bei m Blitzfoto ohnehin in Schockstarre verfallen. Während der Fuß Vollgas gibt, reicht der Fahrer seinen Gästen gegen Münzgeld Äpfel, die er gerade bei einem der vielen Päuschen am Straßenrand erworben hat.

Ohnehin komme ich mir vor als Geldeintreiber. “Peredajte, poschalujsta!” heißt  “Geben Sie das bitte weiter!“ und ist die wohl häufigste Phrase, die ich hier höre. Was ist zu tun? Einfach das Geld bis zum Fahrer weiter geben und  dasselbe dann mit dem Rückgeld. Da ich in der Mitte sitze, habe ich quasi jeden Zahlungsvorgang in den Händen. Gepäck kostet übrigens nichts extra, was auch ausgiebig genutzt wird. Dass die Leute ihren Hausrat , kistenweise Äpfel oder sonstigen Waren trasnsportieren, juckt mich eher nicht, auch wenn mir jemand mangels Platz ine Kiste Äpfel auf den Schoß setzt.

Unruhiger wird es allerdings, als ein Fahrgast mit drei Hühnern den Bus besteigt. Ohne Käfig natürlich. Und das ein Huhn zwei Stunden auf dem Schoß sitzen bleibt, damit war ohne hin nicht zurechnen. Also gackern die Hühner zwischen den Fahrgästen herum oder dem Fahrer ins Ohr. Aber der ist ja eh mit anderen Tätigkeiten als mit dem Fahren beschäftigt. Bei einem Stopp hüpft dann auch  mal der gackernde Zweibeiner aus dem Bus, um dann wieder eingefangen zu werden. Eier haben die Hühner während der Fahrt übrigens nicht gelegt.

Dafür haben die  an Türen, Fenstern, der Decke und sonstwo  befestigten Hinweiszettel für Unterhaltung gesorgt. Die Meisten sind wohl dem Bauernkalender für Marschritka-Fahrer entnommen: „Nur zehn Minuten Angst und schon seid ihr zuhaus! Oder “Tür nicht kaputtmachen, sonst fällt sie euch auf die Füße!”

Nach rund 7 Stunden bin ich wieder in Tiflis und habe noch 8 Stunden Zeit bis zum Abflug oder ... auch nicht. Doch dazu morgen mehr.

P. S. Zwischendurch machen wir eine Pause. Während wir in die Büsche hüpfen wundere ich mich über die Eigenart, den eigenen Bus anzupinkeln. Ist das die Art dem Fahrer mitzuteilen „Hey, Du bist viel zu schnell gefahren? Genutzt hats ohne