Donnerstag , 1.August - Abchasien

Scottie, bean mich rüber 

Wer den Blog genauer verfolgt, erwartet mich heute in Sukhumi. Das ist die Hauptstadt der von Russland besetzten georgischen Teilrepublik Abchasien. Ähnlich wie Transnistrien (russische Abspaltung von Moldawien) oder Südossetien (ebenso russisch besetztes georgisches Gebiet) hat sich hier eine Unabhängigkeitsbewegung gebildet, die erst mal alle Georgier vertrieben und deren Häuser niedergefackelt hat. Ich schreibe das auch deshalb so deutlich, da ich in Tiflis eine Abchasierin traf, die genau hierüber berichtet könnte.

Nach Abchasien kommt man entweder über das russische Sochi oder seit etwa einem Jahr über das Georgische Rhuki. Allerdings ist die Grenze wegen anhaltender Spannungen zwischen Russen und Georgiern immer wieder Ort von Scharmützeln und folgender Grenzschliessung. Zudem gestaltet sich die Anreise nicht gerade gemütlich. Heute daher eine kleine Chronologie der Geschehnisse:

Der Alptraum beginnt mit dem Nachtzug ins westlich Zugdidi. Ja das heißt wirklich so und der Bus hätte auch nicht in Busdidi gehalten.  Der Schlafwagen kostet unglaubliche 2.70 Euro für die 8 stündige Fahrt. Allerdings ist der Komfort auch gleich null. Abartige, stinkende und nicht verschließbare Toiletten. Kein Strom, keine Sitz-, nur eine Liegemöglichkeit. Geschlafen wird auf jedem Quadratzentimeter und geschnarcht natürlich auch. Ich verkrümele mich auf eine Liege im ersten „Stock“ . Dank an dieser Stelle den Nebenwirkungen der vorherigen Wein- und Schnapsprobe. Der Chacha lässt mich bis Punkt 6 Uhr razzefest schlafen, bis ich dann vom Schaffner ziemlich unsanft geweckt werde.

Die Grenze soll um 10 Uhr öffnen, was für mich erstmal vier Stunden Wartezeit bedeutet. In einem Supermarkt verbringe ich die Zeit am Kaffeestand, bevor ich realisiere, dass ihr am Liberty Square den Amerikanern auch anderweitig gehuldigt wird. Nämlich durch einen hypermodernen Mäckes, also McDonald. Als ich mir später ein Taxi zur 11 Km entfernten Grenze nehme, bin ich bereits 13 Stunden unterwegs. Aber hellwach.

Der georgische Posten sieht sich meinen Pass an und bevor ich überhaupt was sagen konnte, werde ich mit einem kräftigen Heil Hitler begrüßt. Hierzulande wäre das dem Ende jeglicher Polizeikarriere gleich gekommen. In Georgien jedoch lacht der Chef noch mit. Der trägt zudem ein Boss-Shirt, nicht das ich mangels Kenntnis der Rangabzeichen am Ende noch den Herr der Hütte nicht identifizieren könnte. Rund eine Stunde warte ich in brütender Hitze, bis die Formalitäten geklärt sind. Denn die Zeit benötigt es, um mit Tiflis zu klären, ob ich Tourist, russischer Spion oder sonst was bin. Allerdings haben sich hierhin auch bisher wenige Touristen verirrt. 

Jetzt muss ich noch bei der schwül-flammenden Hitze mit dem Gepäck rund 2-3 Kilometer einen Fluss überqueren. Als ich am abchasischen Grenzposten stehe, bin ich nicht nur bereits 15 Stunden unterwegs, sondern auch schockartig überrascht. Die Grenze ist auf abchasischer Seite dicht. Heute geschlossen, steht so in etwa am Zaun. Aufgrund aktueller Spannungen zwischen beiden Ländern, hat Abchasien über Nacht den Riegel vorgeschoben und den georgischen Nachbarn nichts dergleichen mitgeteilt. 

Und nun? Im Niemandsland winke ich einen russischen Grenzposten heran. Der macht mir zwar schnell und deutlich klar, dass ich doch bitte verschwinden oder nächstes Jahr wieder kommen solle. Doch so schnell gebe ich nicht auf. Schließlich habe ich ja eine schriftliche Einladung des abchasischen Außenministeriums vom April. Wir diskutieren und diskutieren. Doch als ich dann dachte, ich hätte ihn soweit, fällt dem dem Wachhabenden ein entscheidender Punkt auf. Hatte das Außenministerium doch als Grenzübergang den russischen Posten eingetragen, obwohl ich ausdrücklich den georgischen angemeldet hatte. Und der liebe Holger hatte das all die Monate nicht überprüft. 

In diesem Moment hatte ich nicht nur das Spiel verloren, sondern auch den letzten Nerv. Ich schaute nur noch um mich, um nach einem gewissen Scottie Ausschau zu halten und in den Himmel zu rufen: Scottie, beam mich hoch oder zumindest rüber. Fluchend verlasse ich wieder abchasischen Boden, um den schweißgebadet men Rückweg über die Brücke anzutreten.

Der Wachhabende auf georgischer Seite schaut verdutzt und ich denke, wenn der jetzt wieder mit Adolf H. anfängt, haue ich ihm eins rein. Es sollte jedoch nicht soweit kommen, da ich dann vermutlich hier dann noch eine längere Zeit vor Ort verbracht hätte. Ich suche mir ein Hotel in Zugdidi und als die Zimmertür ins Schloss fällt, war ich seit Abfahrt in Tiflis 20 Stunden unterwegs. Erfolgserlebnis? Null!

Statt Sukhumi steht dann morgen Batumi. auf dem Programm. Strandurlaub. Ich bin vollends begeistert und lege mich ins Bett. Als ich wieder wach werde, hat auch die letzte Kneipe der Stadt geschlossen und ich denke mir so: das kannst du keinem erzählen. Grund genug also mit dem Blog zu starten ...

P.S.: Die georgische Bahn war auf die Minute pünktlich. Ansonsten wie in Deutschland: kein W-LAN, kein Empfang und der Schaffner weiß von nichts. Lg an H1.