Mittwoch, 31. Juni - Kachetien

Zwei Sekunden Herzklopfen 

Ossetien die Zweite. Nachdem recht erfolglosen Ergebnis an der Grenzstation entsorge ich erstmal meinen Taxifahrer. Der hat mit seinem frontalen Ansatz mein ganzes Konzept ad absurdum geführt. Heranpirschen sagte ich und der saust quasi ungebremst auf das Stoppschild und alarmiert die ganze Tagesbereitschaft.
 
Also trennten sich unsere Wege. Er fuhr zurück, ich bog nach einer Kurve ins Dorf Ergneti ab. Vor mir zeigt sich ein sehr geruhsames Landleben. Einsame Ruhe, hin und wieder einzelne Stimmen. Es ist fast Mittagszeit. Gestört wird die Ruhe lediglich von knurrenden Strassenkötern, die offenbar ihren Job als Wachschutz sehr ernst nehme. Gleis zweimal gebe ich Fersengeld und muss eine Umleitung nehmen.
 
Nach wenig Erfolg versprechenden Erkundungen in Ort gelange ich auf einen Feldweg, der immer enger wird. Häuser sehe ich kaum noch. Allerdings ist meine Angst vor russischem Wachpersonal doch erheblich gegenüber der Furcht gewichen, dass mich irgendwo wieder ein knurrender Zeitgenosse im Visier hat.
Irgendwann finde ich die grüne Grenze. Trotz Absperrung mit riesigen Felsbrocken und zwei ziemlich vergilbten russischen und ossetischen Flaggen passiere ich die Grenze ohne jegliche Papiere. Jetzt erst denke ich an mögliches Wachpersonal, das mich wahlweise abführt oder gleich zur Flinte greift. Zwei Sekunden dauert mein Aufenthalt hinter der Grenze, bevor ich schnellen Schrittes und noch schnelleren Herzklopfen den Ort verlasse.
Der Rest ist schnell erzählt. Da sich Ergneti im militärischen Sperrgebiet befindet, fahren dort auch keine Busse. Rund fünf Kilometer laufe ich in brütender Hitze, ohne auch nur einem Pkw zu begegnen. In Brotleti nehmen mich dann zwei Russen in einem uralten Lada zur nächsten Bushaltestelle mit. Das wären dann nochmal fünf Kilometer, bevor ich mir im Stalinpark in Gori erstmal eine eiskalte Coke Zero genehmige.
 
Heute stand die Weinregion Kachetien auf dem Programm. Georgien gilt ja nicht nur als Wiege der Christenheit, sondern auch des Weinanbaus. Seit über 8000 Jahren wird hier Wein angebaut und selbiger dann auch gleich zu Gemüte geführt.

Der Alkoholkonsum der Georgier ist dem der Russen nicht unähnlich. Sprich alles muss rein. Glaubt man dem hiesigen Guide, so trinken die mäßigen Zecher locker fünf bis sechs Flaschen Wein. Die Profis bringen es auf etwa 10 bis 12 am Tag. In Georgien ist es eine Ehre den Nachbarn beim Trinken zu überbieten. Allerdings hat der Rebensaft auch deutlich weniger Alkohol als hierzulande. 

Die Weinprobe selbst war dann eher unspektakulär. Weiß, Rot, Rose - das übliche Sortiment mit einer mehr oder weniger guten Auswahl. Insbesondere ein Besucher aus dem Weinland Spanien kann den georgischen Reben nun gar nichts abgewinnen und lässt die Proben stehen. Gut für mich, dann nehme ich die spanischen Reste auch noch mit. Einziger Höhepunkt: ein Pröbchen aus dem Horn. Da schmeckt man nicht nur den Wein sondern riecht ihn erstmal. Für den geübten Georgier ein Trunkenheitsbeschleuniger, denn die Entfaltung der Blume aus der Tiefe des langen Horns gibt der Angelegenheit nochmals einen gewissen Schub.

Im Hof wird derweil weiter Chacha zum Nulltarif ausgeschenkt. Der georgische Hausschnaps darf auch bei einer Weinprobe nicht fehlen. Einen für den lieben Onkel, einen für die Tante und dann noch einen „for the Road.“  Und als wir dann auf der Straße waren, gab der Bus nach rund 500 Metern seinen Geist auf. Ein doch recht neues Mercedes Modell macht bei den mitfahrenden Russen jetzt nicht gerade Werbung für deutsche Wertarbeit. Die so ungewollte Pause zeigt doch wieder mal, wer dem Alkohol am meisten zuspricht. Während unsereins mit den Kindern aus Steinen kleine Kunstwerke baut, suchen die Russen die nächste Tanke auf, um die dortigen Vorräte etwas zu reduzieren. Natürlich nicht die Benzin-, sondern die Vorräte an Bier, Schnaps und georgischem Rotkäppchen-Sekt. Na denn Na Sdarowje!

Der Rest des Tages ist Schell erzählt: Brot gebacken, Klöster besucht und in Sinagji, der Stadt der Liebe gewesen. Das Standesamt ist hier rund um die Uhr geöffnet, zeugt aber beim Besuch eher vom  Anstimmen georgischer Klagelieder als dem freudigen Ave Maria. Und das Empfangskomittee mit einer Horde älterer Kaukasier lässt auch nicht so richtig das Hochzeitsambiente aufkommen. Die schönste Stadt Georgiens lasse ich mangels ausreichender Schönheit dann auch links liegen und setzte mich ins Gasthaus am Rathausplatz. 

P.S.: Frage bei der Weinprobe: wenn wir einen doppelten Chacha trinken, tanzen wir dann Chachacha. Nein, sagt mein gegenüber, wir trinken so lange und dann tanzen wir Chachachachachacha.... Lg an H1