Montag, 29. Juni - Tiflis

Fabrika Putler

Angesichts der heutigen Ereignisse in Frankfurt bin ich auch jetzt, also kurz vor Mitternacht noch sprachlos. Das was heute auf dem Hauptbahnhof, den ich jede Woche über 10 mal ansteuere passiert ist, hat mich den ganzen Tag verfolgt und wird auch diesen Blog und seine Inhalte berühren. 

Eigentlich wollte ich heute in die Weinregion Kachetien, doch der liebe Weingott - Bacchus glaub ich heißt er - hat es anders mit mir gemeint. Der Trip fiel ins Wasser, weil man im Weinland Georgien gerade keine Kapazitäten frei hatte. Ärgerlich, aber kein Beinbruch. Der Georgier an sich ist ja bekanntlich ein gottbegnadeter Säufer und so probiere ich den kaukasischen Rebensaft eben erst am Mittwoch. Als osteuropäischer Weinkenner mit Expertise in Moldawien, Transnistrien, Armenien und Aserbeidschan will ich mir das Spektakel natürlich auch in Georgien nicht entgehen lassen. 

Wer die Wirklichkeit Georgiens beschreiben will, muss ganz nah ran. Zum Beispiel in den Donougt Layen. Quasi eine Art Starbucks-Ersatz in Tiflis. Das Personal gelangweilt, Motto Kunde droht mit Auftrag. Ich bestelle einen mittleren Americano, zahle einen großen und -Surprise Surprise - finde im Becher dann die kleinste Variante. Was soll’s. Ich zahle gerade mal umgerechnet 1.50 Euro. Da würden die vom Starbucks in Frankfurt nicht mal den Stecker für in die Kaffeemaschine stecken. 

So kann sich der Charakter eines Ortes erschließen in der sanftmütigen Geste einer Donougt-Bedienung. Kein Bock und vor allem keine Milch zum Kaffee. Wenn Blicke töten könnten, ich weiß nicht wer zu erst umgefallen wäre.

Der Tag selbst verlief wieder mal nach dem Motto: der Weg ist das Ziel. Die Georgier nennen ihr Land den Balkon Europas. Und Balkone gibt es eigentlich überall zu sehen. Der gemeine Hesse ist ja begeistert von der Bruchbuden-Mentalität dieser Hauptstadt. Ob’s der Georgier genauso sieht, ich wage es zu bezweifeln. Touristen sind doch eher selten zu Besuch in Tiflis. Ein paar Holländer, Inder und Sachsen, die glauben, den Bus für sich gepachtet zu haben.

Egal. Denn das Banner am Flughafen „Welcome to Georgia“ wird hier an jeder Straßenecke gelebt. Welcome to Georgia beschreibt aber auch die Sehnsucht als ein für mich asiatisches Land zu Europa gehören zu wollen. Das sehe ich bereits gestern bei der Fahrt in die Stadt. Es ist Abend, der Bus fährt stadteinwärts.  Der Fahrer brettert erst über die Stadtautobahn (Teheran 1200 km) und dann weiter über die George W. Bush Street. Der ehemalige US-Präsident lächelt gütig von einem Plakat. In weiten Teilen der Welt ist der Texaner aus nachvollziehbaren Gründen nicht sonderlich populär. Nicht aber hier in Georgien. Er versprach dem kleinen Land einst die Mitgliedschaft in der NATO. Woraus jedoch bis heute nichts wurde, weil man die Russen nicht verärgern wollte.

Vom zentralen Freiheitsplatz geht es erstmal ins Altstadt-Viertel, erste Eindrücke sammeln. Die Jugendstil-Häuser sind von Rissen durchzogen, manche nicht mehr bewohnt und halb eingestürzt. Der Anstrich auf Mauerwerk und Türen ist an vielen Stellen abgeplatzt, oft liegt der Backstein frei. Ausladende Fensterrahmen sehen aus wie von Säure zerfressen. Hübsch sind die Pastellfarben, die langsam verschwinden, und kunstvoll geschmiedet die Geländer der Balkone, die hoffentlich nicht hinabstürzen. Stromkabel an jeder Ecke. Die altehrwürdigen Stadtvillen wirken so morbid, als taugten sie nur noch als Kulisse für ein schwermütiges Melodram.

Randbemerkung: Weil die Georgier die Altstadt nicht besser Instand halten, verweigert die UNESCO eine Auszeichnung als Weltkulturerbe. Ansonsten - und das hatte ich ja bereits geschrieben- viel futuristisches. Die Friedensbrücke zum Beispiel ist nett, zeigt abends Lichteffekte in den Georgischen Farben, hat aber eher eine Symbolfunktion. 

So sehr die Stadt Teile ihres architektonischen Erbes verkommen lässt, so kühn sind die Bauprojekte der jüngeren Zeit. Die futuristische Friedensbrücke über die Kura zum Beispiel, erbaut von einem italienischen Stararchitekten, zeigt abends interessante Lichteffekte. Das alles passt aber zu einem Land, dass sich einen radikalen Modernisierungskurs verordnet hat. Europa wir kommen. Nur - mir ist nicht bekannt, dass man sich in Brüssel ernsthaft mit der georgischen Frage beschäftigt.

Egal - einen kleinen Höhepunkt gabs dann doch noch. Etwas abseits vom von Arabern und Türken dominierten Boulevard mit zumindest großartig restaurierten Jugendstil-Gebäuden gibts eine Hütte in einer alten Fabrik mit dem Namen - nomen est Omen - Fabrika. Im Alternativen Viertel der Stadt mit bemerkenswerten Fassadenbemalungen zeigt sich Tiflis gab anders, aber doch gemütlich.

Zum Fabrika gehört ein Innenhof mit Cafés und Bars, Künstlerateliers oder Werkstätten. Und in den Geschäften nebenan Plunder a la Sowjetunion. Die Russen, und da komme ich jetzt auf meine Eingangsworte zurück sind zumindest was den Präsidenten betrifft nicht  gerne gesehen. Putin, du Arschloch ist ein bekannter Slogan des Ukraine-Aufstands und ist hier auf einem uralten Wolga zu sehen. Gegenüber firmieren die Herren Wladimir und Adolf zu Putler. Man erkennt, die Weichen Georgiens sind Richtung Westen gestellt.

P.S.: Es gibt heute kein P.S.! Meine Gedanken sind bei der Familie des Jungen, der heute im Frankfurter Hauptbahnhof ermordet wurde!