Sonntag, 28. Juni - Kazbegi

Alles für die Kaz

Der gestrige Abend wurde mal wieder zu einer langen Nacht. Das es mich da ausgerechnet im Touristenviertel erwischt hat, ist zwar ungewöhnlich, hat aber doch eine besondere Note. 

Georgien ist eigentlich nur durch einen dann doch wieder spektakulären Bürger bekannt. Josef Stalin. Jeglichen Plunder von Büsten und authentischen Fotos bis zu Kühlschrank-Magneten und roten Socken gibt es hier zu erwerben. Aber auch wie in fast jeder ehemaligen Hauptstadt der sowjetischen Republiken eine urig im Sowjetstil eingerichtete Bar. 

KGB heißt sie hier und das Personal rennt in KGB Shirts mit Hammer und Sichel - auf dem Shirt natürlich und nicht in Natura - um die Gäste herum. Auf besonderen Wunsch hin kaufe ich mir auch ein solches und gebe mich als Agenten des sowjetischen Geheimdienstes zu erkennen. Als hätte ich nicht erst letztes Jahr jede Menge Ärger mit dem Nachfolgemodell, dem russischen FSB gehabt.

Man kommt ins Gespräch. Es sind vergleichsweise arme Menschen, auch in der Hauptstadt leben. Die überall wuchernden Plattenbauten, so wird mir erzählt, sind Synonyme für die heutige Gesellschaft. Denn was kaputt geht wird nicht ersetzt: Da der Herd nicht mehr funktioniert, wird auf einem Gaskocher für die Familie und die Gäste gekocht. Die Klospülung ist ersetzt durch eine volllaufende Badewanne, aus der man das Wasser zum Spülen schöpft. Die rieselnde Dusche ist nur durch ein paar Glasbausteine von der Küche abgetrennt. Wir wechseln das Thema, die russische Okkupationen Abchasiens und Südossetiens. Auch hier kann ich keine Punkte sammeln.

Tag 2: 150km und drei Stunden von der Hauptstadt Tiflis entfernt, befindet sich eine der spektakulärsten Berglandschaften von ganz Georgien. Die Rede ist von Kazbegi oder Stepanzminda. Eigentlich nur eine kleine Stadt im Norden Georgiens, eingebettet in den großen Kaukasus.

Alleine die Anfahrt nach Kazbegi ist schon spektakulär. Ich habe sie nämlich ob der Ereignisse der letzten Nacht weitgehend verschlafen. Sie führt entlang der geschichtsträchtigen Heerstraße, der Hauptverbindungsstraße zwischen Georgien und Russland und ist eine wahre Panoramastraße. Allerdings auch nur für Leute, die das erste mal im Kaukasus waren. Ich war ja jetzt schon zum vierten Male kn der Gegend und fand die Beschaulichkeit der Grünen Landschaft mein jetzt auch nicht dermaßen aufregend. Immerhin gab es einen Extrastopp, weil ein Italiener den Abend zuvor wohl zu viel gebechert hatte und der Rest jetzt im Kaukasus entsorgt werden musste. Bei so viel Spektakulärem kann ich dann auch mal ein Nickerchen einlegen. 

Unweit von Tschetschenien, es sind nur zehn Kilometer zur Grenze und sechzig bis nach Grosny, liegt er dann, der Kazbegi. Vom mächtigen Fünftausender ist allerdings genauso wenig zu sehen wie von benachbarten Ossetien. Dunkle Wolken lassen es nur erahnen, was da an Bergpracht   verschwommen zu sehen ist. Im Gegensatz zur Truppe vor Ort habe ich den Kazbegi schon gesehen. Und zwar letztes Jahr auf der russischen Seite. Für den Rest heißt es dann mehr oder weniger: Alles für die Kaz.

Immerhin war es möglich, auf einem nahen Berg die Klosterkirche Gergeti zu erwandern. Highlight des Ortes, und für viele der Grund für einen Abstecher nach Kazbegi, ist die Gergetier Dreifaltigkeitskirche. Denn sie thront vor dem beeindruckenden, nicht zu sehenden schneebedeckten 5.047m hohen Berg Kazbek und ergibt ein spektakuläres Fotomotiv. Nicht allerdings für jeden. Denn die Damen müssen sich dem orthodoxen Dresscode fügen und wer da im Top und Minirock erscheint und kein Tuch zum Verhüllen verfügbar hat, wird schneller wieder hinausbugsiert als der kleine Hügel erklommen wurde.

Es sind arme Menschen, die hier in den Bergen von etwas Arbeit und den paar Lari, die die Touristen mitbringen, leben. Doch zeigt das zur Mittagspause ausgewählte Restaurant zweierlei. Der Georgier ist dem Stress nicht gewachsen, hat aber mit dem bisschen Stress, den die Touristen machen, ein nettes Anwesen geschaffen. 

Auf dem Rückweg gab es noch einen Stopp. Allerdings nicht wegen eines kotzenden Italieners. Sondern wegen der georgisch-russischen Freundschaft. Die ist mir nicht nur angesichts des Krieges 2008 etwas neu. Das kreisförmige Monument steht zwar vor atemberaubender Bergkulisse, fällt ansonsten aber durch für den Laien nichts sagende Wandmosaike auf. 

Ziemlich spät treffen wir wieder in Tiflis ein. Ich hatte jetzt doch etwas Hunger, hatte ich doch die Nahrungsaufnahme angesichts der fetthaltigen georgischen Spezialitäten bisher weitgehend vermieden. Da verlieben sich Leute in so genannte Chinkalis, jene gekochten Teigtaschen in Knoblauch gedünstet. Wohl bekomms. Auch wenn ich bisher wenig zum Verdauen hatte, ein Verdauungswodka gehört natürlich zum A und O kaukasischer Kultur. Na denn - na sdarowje!

P.S.: Unser Guide nach Kasbegi schien geschichtlich auch nicht so sattelfest. Die Bücke hier an der Militärstrasse hätten deutsche noch 1945 erbaut. Meines Wissens waren wir da schon raus, und das nicht nur im Kaukasus!