Samstag, 27. Juni - Tiflis

Vintage im Village

Willkommen in Tiflis, Tbilissi oder Tblisi. Je nach Gusto gibt es für die Stadt zwischen Europa und Asien die verschiedensten Namen. Das ist mit einem Blick auf die Weltkarte schnell festgestellt, auch wenn Tiflis als Kaukasusrepublik formell zu Asien gehört. Von Russland und Asien will man hier nichts wissen, sondern am liebsten gleich in die EU. Überall EU Flaggen neben den georgischen Fahnen und auch die Nummernschilder der Autos haben den blauen Randstreifen. Hier gezwungenermaßen ohne die EU-Sterne.

An Ort und Stelle jedoch die Schnittstelle zwischen den Kontinenten erst wirklich bewusst. Zu Füßen der eher unspektakulären Festung, dem angeblichen touristischen Hotspot der georgischen Hauptstadt, trifft man auf Russen und Araber gleichermaßen. Und vollverschleierte Damen sind an jeder Ecke zu sehen. 

Nach einem entspannten Flug mit einer Uralt Boing und der Landung um 5 Uhr morgens geht der Tag eher gemächlich zu. Entlang der so genannten Feigenbaumschlucht sticht etwas ins Auge, was für die Optik von Tiflis in allen Varianten prägend ist. Farbenfrohe und verfallene Balkone, die über der Altstadt schweben oder an Altersschwäche irgendwann einmal in die Schlucht gefallen sind.

Tiflis bedeutet zu Deutsch in etwa „warme Quelle“. Was auch hinter dem majestätischen Freiheitsplatz deutlich sichtbar wird. Am Rande der Schlucht wird das Schwefelwasser der warmen Quellen in Badehäusern genutzt. Das Angebot ist vielfältig. Man kann sich zu zweit für 200 Euro in einen Raum setzten, oder als günstigste Alternative für etwa einen Euro pro Stunde die Hüllen fallen lassen.

Ich verschiebe das Vergnügen erstmal gedanklich. Schwefel verströmt bekanntermaßen nicht die angenehmsten Gerüche. Und auch der Dresscode in der 16 Mann Kabine ist gewöhnungsbedürftig: nackt! Offensichtlich auch für so manchen einheimischen Gesellen. Denn die schleichen mit gesenkten Blicken in die Umkleide.

Der Weg ist das Ziel. Die Stadt ist verkehrstechnisch vollkommen unstrukturiert und für Zweibeiner beim Überqueren der achtspurigen Straße der tägliche Kampf ums Überleben. Ampeln sind quasi Fehlanzeige, dafür gibt es jede Menge stickige Unterführungen. Ja - wir sind hier in der ehemaligen Sowjetunion und da hieß es schon immer treppab, treppauf. Mich wundert nur, wie das die Händler in ihren stickigen Untergrundbuden den ganzen Tag aushalten.

Zwischendurch blinkt natürlich mein Entdeckergeist durch, der mich mal ums Mal in stille Gassen abbiegen lässt. Tiflis macht es leicht, hinter die renovierte Oberfläche zu blicken. Schon wenige Schritte abseits der Boulevards wächst Wein von brüchigen Mauern, während auf hölzernen Balkonen Wäsche wedelt. Wie so oft gefallen die dreckigen Fassaden viel mehr als die herausgeputzten Häuser. Vintage im Village halt. Davon hat Tiflis noch immer genug zu bieten.

Also erstmal  treiben lassen, von einem Platz zum nächsten, durch Gassen, über Brücken. Und auch hier: bergauf, bergab, bergauf. Tiflis ist nicht gerade klein, hier leben über eine Millionen Menschen, doch das Zentrum lässt sich trotz merkwürdiger Verkehrsführung zu Fuß erkunden.

Schon die Lage der Stadt ist cool. Am Fluss Mtkvari gelegen und von allen Seiten von Bergen umgeben. Das Stadtbild ist unglaublich abwechslungsreich: Moderne Prachtbauten, alte Holzhäuser, hypermoderne Gebäude, kleine Parks und das auf relativ kleinem Raum.

Aber es geht noch fortschrittlicher. Ich war dann doch etwas überrascht, als man mir erzählt hat, dass es in Georgien keine Post mehr gibt. Alle Rechnungen und andere Briefe werden elektronisch per Email oder SMS versendet oder können an einen der zahlreichen Automaten verwaltet werden. Diese Automaten stehen in der ganzen Stadt, und ich wundere mich, was die Leute damit machen. Geld kam jedenfalls nicht raus, auch wenn ich diese erst für Geldautomaten hielt.

Bei alledem fällt eines auf: Die Georgier trinken Wein und das nicht zu knapp. Überall wird mit „Wine-Icecream“ und Sprüchen wie „Hello Wine, Goodbye Problems“ oder „Save the World, it´s the only planet with wine“ geworben. Dass Wein hier aber nicht einfach nur Alkohol ist, sondern von den Georgiern wie ein Kind gehütet wird - dazu morgen mehr.

P.S.: Dazu passt auch: der Georgier trinkt nicht um sich zu betrinken, sondern aus Spaß. Das Ergebnis ist vermutlich das gleiche.