Donnerstag, 14. März - Massawa

Little Aleppo 

Massawa hat was, ohne Zweifel. Hafenstadt, Rotes Meer - nach dem beschaulichen Asmara, wollte ich etwas die Luft von Fischmarkt und Haifischbar-Luft schnuppern. Die Stadt hat gehalten, was ich mir versprochen hatte, aber komplett anders als gedacht.

Auf dem Festland wohnen die meisten Leute, das Zentrum aber besteht aus zwei Inseln, die miteinander und dem Festland durch zwei Dämme verbunden sind. Die erste Insel, Taulud, bildet das Zentrum der Stadt, auf der zweiten, Batse, spielt sich das Leben, vor allem abends, ab.

Das Hotel versprüht zwar alles andere als das Flair der großen, weiten Welt, ist aber die Nummer 1 am Platz und besticht durch ein besonders ignorantes Personal und Elstern, die einem die Butter vom Frühstückstisch klauen. 

Gegenüber bekomme man einen ersten Eindruck. Der Kaiserpalast zeigt sich ausgebombt - Einschusslöcher, zusammengestürzte Fassaden. Der Unabhängigkeitskrieg ist zwar schon Jahrzehnte her, die Stadt erinnert aber ebenso wie der Palast mangels Gelder und ungeklärter Eigentumsverhältnisse in weiten Teilen eher an Aleppo als an St. Pauli. 

Massawa war früher der größte Hafen am Roten Meer. Wegen dieser Bedeutung wurde es im Krieg besonders heftig umkämpft, von der äthiopischen Luftwaffe in Schutt und Asche gelegt. In der Altstadt sind die Spuren noch unübersehbar. Einige Gebäude sind restauriert, vorwiegend an der Hafenfront, der Rest trägt noch deutliche Kampfspuren, Einschusslöcher überall. Da wo Granaten den zweiten Stock weggesprengt haben, sind im Erdgeschoss und 1. Stock die Menschen wieder eingezogen. 

Die gesamte Hafenstadt mit ihrem Italienisch jemenitischen Baustiel gleicht einem Kriegsmuseum: Die italienische Bank, zur Ruine zerschossen 1930, verdorrt ebenso in der schwülen Hitze wie die meisten Wohn- und Verwaltungsgebäude Gebäude.  Im Häuserkampf von Massawa holten die Freiheitskämpfer den entscheidenden Sieg gegen den äthiopischen Diktator Haile Selassie. Das Resultat: jetzt haben die Eritreer einen eigenen Diktator und der größte Teil der Stadt ist zerstört. Wer durch Massawa geht, geht durch eine Geisterstadt.

Doch zwischen den Ruinen entsteht allmählich Leben. Da ist ein kleines Fischrestaurant, wo der Chef noch dem Koch a la Verleihnix im gallischen Dorf noch den Fisch um die Ohren haut und der Senior des Hauses die hungrigen Katzen mit dem Stock verscheucht. Nebenan wird das Kaffeekochen zelebriert. Rund eine Stunde dauert es vom Kaffee mahlen bis zur mit parallel hergestelltem Popcorn der braune Saft mit Kardamom Extrakt serviert wird. Immer wieder wird das Wasser in der Karaffe gekocht und hin-, her- und umgeschüttet. Zwar werden die Augen des Publikums minütlich größer, doch halte ich bei der langen Wartezeit ein Konzept a la Starbucks für Erfolg versprechender. 

Gegen 19 Uhr erwacht die Geisterstadt aus ihrem Schlummer. Dafür sorgen die unzählige Kneipen mit ohrenbetäubender Musik und einem Flat Screen. Und der zeigte die Champions League, die hier um 23 Uhr Anstoßzeit über die Kiste flimmert. Denn die ganze Stadt ist versammelt, um wahlweise mit Ronaldo oder den englischen Mannschaften zu fiebern. Es spielt der Liverpool beim FC Bayern und zu wen die Einheimischen unterstützen bedarf keiner besonderen Phantasie. 

Und so scheidet der FC Bayern inmitten der eritreischen Haifischbar sang- und klanglos aus. Es ist mittlerweile 1 Uhr nachts um unter den zerbombten Säulen der Arkaden dröhnt laute Musik. Auch ich sitze hier und weiß nicht was ich von der gespenstischen Situation halten soll. Irgendwie Little Aleppo oder wie einst bei Erich Honecker: Auferstanden aus Ruinen.

P.S.: Die Wirtin ist beim Spiel soum die viermal eingenickt und musste zwecks Bier holen geweckt werden. Hätte ich mal lieber die Bayern wecken sollen.