Montag, 11. März - Keren

Zugfahrt mit Platten

Zunächst ein Wort zum Netz, denn es ist das  schlechteste auf der Welt. Man geht zu einem Häuschen, bekommt einen Code und kann dann sein Glück versuchen. Ähnlich wie in der Spielbank sitzt man dann den ganzen Abend am Pokertisch, sprich Handy und nichts kommt bei heraus. Ich gebe es auf und veröffentliche Blogs nur noch in der Hauptstadt. Da bricht die Verbindung jedenfalls nicht alle 10 Sekunden zusammen. Diktaturen mögen es eben nicht, wenn die Leute kommunizieren.


Ein Highlight von gestern gilt es noch „nachzublicken“. Eine Zugfahrt kn Etitrea. Als Harzer Schmalspurfahrer seit letzten September bestens vertraut, will ich mit der hier im Einsatz befindlichen Dampflok zur 25 km entfernten Talstation fahren. Während ich mich auf hunderte von Zuggästen einstelle steht dort auf dem Bahnhof einsam und verlassen eine uralte Lok und einem Waggon mit der Aufschrift „Dritte Klasse“. Und das es die dritte Klasse war, bedurfte es beim Blick ins Innere auch keiner weiteren Erläuterung - Holzbänke eben. 

Immerhin gab es für den überschaubaren Zugverkehr eine Bahnhofskneipe mit einer riesigen Espressomaschine und einer Kühltruhe eiskalten Bieres. Da ich ja schon bei den Orthodoxen in der Frühmesse war, ein gelungener Anlass den Frühschoppen zu eröffnen. Nachdem ich also quasi betankt und die Dampflok geheizt war, konnte es losgehen.

Über Stock und Stein und durch unzählige kleine Tunnel fahren die rund 10 Passagiere los. Besonders in den Tunneln wird’s dann nicht nur dunkel, sondern auch rissig schwarz. Meine Hautfarbe passt sich der des Zugpersonals mit jedem der Tunnel an. Die Landschaft gebirgig schön, aber auch nicht spektakulär. Spektakulär die Verlegung der Gleise direkt an steilen Hängen entlang. Es erscheint mir eine Frage der Zeit, bis hier der ganze Zugverkehr irgendwann holterdipolter eine Etage nach unten saust.

Sechs Minuten vor Fahrplan fährt der Zug ab, nachdem über eine extrem lecke Leitung versucht wurde noch schnell den Wasserkessel zu füllen. Egal, an der Pünktlichkeit hierzulande kann sich die Deutsche Bahn nicht nur eine Scheibe, sondern die ganze Wurst abschneiden. Und zur virtuellen Wurst wurden im Zug noch Kaffee gekocht und Kekse serviert.

Beinahe wäre ich auch pünktlich angekommen, auch wenn mir die Ankunftszeit gar nicht präsent war. Doch plötzlich kommt unser ICE zum Erliegen. Auf den Gleisen hatte sich ein herrenloser Mitsubishi breit gemacht. Und weit und breit war der Besitzer nicht zu finden. Üblicherweise kommen binnen 5 bis 10 Minuten die ganze Ortschaft zusammen, um das Problem zu lösen.

Hier war die Helferschar überschaubar und auch zunächst erfolglos. Denn trotz versammelter Kräfte war der tonnenschwere Pickup keinen Millimeter zu bewegen. Auch die Variante mit einem Draht den Türknopf zu aktivieren scheiterte. Irgendwann kam dann doch noch die Erleuchtung und damit die Türöffnung mit einer Stoffschleife. Soweit, so gut sollte man denken, es könnte also weiter gehen. Doch hatte der Mitsubishi Fahrer die Rechnung ohne den Wirt, sprich die Einheimischen Fahrgäste gemacht. Die machten sich nämlich an den Reifen zu schaffen und ließen kurz mal die Luft raus.

Am Abend erreiche ich Keren im Westen des Landes. Besondere Vorkommnisse: In den Tälern haben sich dicken Wolken angestaut, so dass mir beim Blick von oben unweigerlich Reinhard Mey mit seinem Klassiker Über den Wolken in den Sinn kommt. Und bei einer Rast im Hochland wird das kalte Bier in Zentnersäcken angekarrt. Motto: In München steht ein Hofbräuhaus, in Eritrea kommt man ohne aus. Im Sack den Berg hinuffa, drum oans, zwoa, gsuffa!

P.S.: Getrunken wird in Keren auch in der Himbi-Bar. Himbi heißt hier die Wirtin und die Spezialität des Hauses, ein hochprozentiger Rachenputzer. Angesichts der Schnapsleichen in den Ecken sollte man meinen: wer DEN Himbi entkorkt, wird von DER Himbi entsorgt!