| Autorenlesung mit Ines Thorn - WZ vom 31.10.2009 |
Gustelies und Hella ermitteln im Fall um angenagte Leichenteile
Autorin Ines Thorn liest aus ihrem Kriminalroman „Der Höllenknecht“ – Eine historische Zeitreise mit viel Hintergrundwissen
Reichelsheim – Dorn-Assenheim (hh.) Frankfurt am Main im Jahr 1532, es ist einer der heißesten Sommer seit Menschengedenken. Der Main führt Niedrigwasser und die Gassen stinken nach Tierkadavern und Unrat. Die Herbstmesse beginnt und Tausende strömen in die Stadt. Ausgerechnet jetzt wird auf dem Römerberg ein menschlicher Arm gefunden, der eindeutig menschliche Bissspuren aufweist. Nur ein paar Tage später taucht ein Bein ebenfalls mit Bissspuren auf. Für die Frankfurter steht schnell fest, dass es sich hierbei um die Tat eines Kannibalen handeln muss.
Rund 35 Besucher finden sich zur Freude von Büchereileiterin Marion Schroeder im Pfarrheim ein, um der Schriftstellerin und Wahlfrankfurterin Ines Thorn zu lauschen. Sie liest Passagen aus ihrem aktuellen Roman „Höllenknecht“, ihr zweiter Krimi in einer Reihe über Verbrechen im historischen Frankfurt. Richterswitwe Gustelies und Tochter Hella sind die sympathischen Protagonisten der Handlung und lassen sich auch diesmal von der Aufregung nicht anstecken. Wie dereinst Miss Marple recherchieren sie auf eigene Faust, übernehmen die Ermittlung und lösen den Fall. Eine spannende Geschichte um ein teuflisches Buch und angenagte Leichenteile kann beginnen.
Mit Ihrer erfrischenden und ausdrucksstarken Vortragsweise zieht Thorn die Zuhörer schnell in den Bann, dabei streut Sie immer wieder geschichtlich fundiertes Hintergrundwissen über den Alltag im Mittelalter und die dortige Gerichtsbarkeit ein. Eine Polizei gab es damals nicht, Richter, Henker, Büttel und Leichenbeschauer sind das Ermittlungsteam. Dabei war der Beruf des Henkers ein lukratives Geschäft, das nach einer festen Gebührenverordnung entlohnt wurde. Pech nur, wenn die Leiche verschwand. Was oft vorkam, denn es herrschte der Aberglaube, der Besitz einer Locke des Gehenkten schütze vor Liebeskummer. Auch der geschichtliche Rahmen im lutherschen Deutschland im Spannungsfeld zwischen Reformatoren und katholischem Kaiserreich wurde plakativ beleuchtet.
„Ich erhebe nicht den Anspruch, vergangene Epochen detailgetreu zum Leben zu erwecken“, sagt Thorn und beschreibt das Mittelalter als eine faszinierende Zeit des Umbruchs. Doch die Kulisse muss stimmen, die Geschichten sind fiktiv und für die Leser des 21. Jahrhunderts geschrieben. Belletristik ist ihr Metier, denn für sie gibt es keine historischen Romane, sondern nur Probleme der Gegenwart in historischer Kulisse. So hat Hella neben der dem Mordfall noch alle Facetten zwischenmenschlicher Beziehungsprobleme zu bewältigen.
Dabei basiert der Höllenknecht durchaus auf einer wahren Begebenheit, der originäre Tatort war allerdings in Halle. Im Buch sieht man daher auch ein seinerzeit aktuelles Fahndungsflugblatt. Die Kenner Frankfurts finden zudem einige bekannte Orte und Personen dieser Zeit. Beim den Marktbesuchen und Spaziergängen über den Römer und die Gassen der Altstadt ist der Zuhörer bildhaft dabei. All dies verlangt eine zeitintensive Recherche mittels vieler historischer Dokumente und Kontakte zu einschlägigen Instituten. So erfahren die beiden Frauen von einem schwarzmagischen Buch, das mit der Tat im Zusammenhang steht, ein Faksimile davon kann noch heute in der Deutschen Bücherei eingesehen werden.
Besonders auch die Stellen, in denen Pater Nau einem Verdächtigen die teuflischen Dämonen austreiben will, stammen dorther. Hier wie in vielen Szenen konnte man immer wieder schmunzeln. Der Exorzismus wird detailliert und quasi live von einem gefesselten Publikum im Roman wie im Auditorium im Pfarhheim begleitet. Jeder lauschte neugierig, was denn als nächstes passierte. Derweil spielte sich lediglich eine Apfelkuchenschacht ab, da der exorzierende Geistliche in mangelnder Linientreue zur Amtskirche sich ein dreistes Vergnügen erlaubte.
Auf die Auflösung des Falles müssen sich die Leser selbst begeben. Dass es keine Ermittlungsarbeit mit
Das Buch selbst zeigt ein Erzähltalent, das den Leser bis zur letzten Seite mit den Helden mitfiebern und im Kopf großartige Bilder einer eher dunklen Epoche entstehen lässt. Gustelies und Hella gehen zudem 2010 erneut auf Spurensuche, ein Expose und der Vertrag für ihren dritten Kriminalfall liegt bereits in der Schublade.

Detailrecherche und eine fesselnde Handlung machen einen guten Roman aus: Erfrischend und ausdrucksstark liest Ines Thorn aus Ihrem historischen Roman "Der Höllenknecht" vor. Foto: Holger Hachenburger