| Autorenlesung mit Ursula Neeb - WZ vom 12.11.2008 |
Die mittelalterliche Welt will betrogen sein
Autorin Ursula Neeb liest aus „Dem Wundermann“ während der Buchausstellung der katholischen Bücherei
Reichelsheim – Dorn-Assenheim (hh.) Frankfurt im ausgehenden Mittelalter. Flankiert von seiner Garde zieht der geheimnisvolle Martin 1527 als Edelmann in die Stadt ein. Schon nach kurzer Zeit verkehrt er in den besten Kreisen der feinen Stubengesellschaft „Zum Alten Limpurg“ und bezaubert Damen und Herren gleichermaßen. Für die Patrizierfamilien ist er der „Wundermann“, der den von wirtschaftlicher Krise gebeutelten Stadtoberen nichts Geringeres verspricht, als mit seiner Alchemie aus geringwertigen Stoffen Gold herzustellen. In Wirklichkeit ist er jedoch ein kleiner Gauner, der es genießt , wenn die Patrizier ihm auf den Leim gehen. Denn diese kennen sein Lebensmotto nicht: Die Welt will betrogen sein.
Rund 60 Besucher finden sich zur Freude von Büchereileiterin Andrea Stiefmeier im Pfarrheim ein, um der Schriftstellerin Ursula Neeb zu lauschen. Sie liest Passagen aus ihrem aktuellen Roman „Der Wundermann“. Bereits während des Studiums der Geschichte und Kulturgeschichte habe sie der Alltag im späten Mittelalter interessiert, für den Roman habe sie intensiv recherchiert, erzählt die in Bad Nauheim geborene Autorin über den Hintergrund ihres nunmehr dritten Werks.
Im Wundermann zeichnet sie die ereignisreiche Biografie von Martin Möbs und beginnt mit einem beklemmenden Portrait gesellschaftlichen Situation in der Wetterau. Denn Martin wird als Bauerssohn in Wöllstadt geboren, seine Familie befindet sich auf der untersten Stufe des sozialen Gefüges, sie sind die „Kleinhäusler“. Der Unterschied von Arm und Reich ist immens, doch die zehnköpfige Familie nimmt die Armut als Gott gegebenes Schicksal hin.
In bildhafter Sprache und Detailgenauigkeit verharrend, schildert Neeb den Alltag vor 500 Jahren, zeigt, wie sich die Familie auf dem Feld und im Stall plagen muss. „Nur nicht mehr bücken müssen heute“, denkt die mit Ende 20 schon gealterte Mutter und zieht den Nähkorb heran. So möchte sie trotz Müdigkeit nach getaner Arbeit ihrem Lieblingssohn eine Haube mit Spitzenborde nähen, während die anderen Kinder auf Strohsäcken schlafen müssen.
Durch Zufall erhält der stets Bevorzugte eine Ausbildung im im nahen Prämonstratenserkloster zu Ilbenstadt, die er nach einem sodomitischen Zwischenfall abbrechen muss. Ein Schlüsselerlebnis, welches sich durch die Handlung zieht und immer wieder thematisiert wird. Er geht auf Wanderschaft und lernt auf seinem Weg über Wien, Freiburg und der Burg Rheinfels, wie man sich seinen Lebensunterhalt ergaunern so kann. Der charismatische Hochstapler beherrscht schnell die Spielregeln so perfekt, dass niemand an ihm zweifelt.
In der Messestadt am Main umgibt sich Martin mit der Aura des Geheimnisvollen, wenn er sich in sein Quartier zurück zieht und vorgibt, Ruhe für seine Experimente zu brauchen. Neeb entführt die Zuhörer in eine Welt, in der Gaukler und Goldmacher die Städte unsicher machen. Historische Fakten werden in eine spannende Rahmenhandlung integriert. Es ist ein quirlige, teils auch unheimliche Welt, in der der Scheiterhaufen fast täglich lodert. Viele Gestalten der mittelalterlichen Unterschicht wie die Lotterpfaffen (Reliquienverkäufer), Hübscherinnen (Huren), der Angstmann (Henker), der Büttel (Aufseher) oder die Flugblatthändler, die den Analphabeten die neusten Nachrichten vorlasen, haben ihre Auftritte. Bekannte Patrizier wie die Familien Glauburg und von Holzhausen stehen im Rampenlicht, das Publikum wird kenntnisreich in ihr Leben ebenso wie in das der „Bewohner“ des Mainzer Turms, des Stadtgefängnisses geführt.
Neeb versteht es, die Zuhörer neugierig zu machen. Es sind die Ereignisse in unmittelbarer Nachbarschaft und die Magie des Goldmachens, die Spannung garantieren, wenngleich der Prolog kein gutes Ende für Martin vermuten lässt. Das Buch selbst zeigt ein Erzähltalent, das den Leser bis zur letzten Seite mit dem Held mitfiebern und im Kopf großartige Bilder einer dunklen Epoche entstehen lässt. Der Lesung hätte man allerdings gewünscht, dass diese Aspekte deutlicher zum Vorschein gekommen wären.
