Montag, 17. Mai,  Wonsan - Pyöngyang



Der Schwimmreifen

Last day in paradise. Heute stehen noch zwei Termine in Wonsan auf dem Programm und dann dir rund 4 – stündige Rückfahrt nach Pyöngyang. Die vergangene Nacht hatte erstaunlich wenig Spuren hinterlassen, doch schon beim Frühstück kursieren die ersten Gerüchte. Dass in Nordkorea jeder vier Augen und vier Ohren hat, ist nach den Vorkommnissen der letzten 10 Tage ja hinreichend bekannt, dass allerdings ein Hotelservice, der am Vorabend null Präsenz zeigte, nunmehr von allen Einzelheiten Kenntnis hat, verwundert doch sehr.

 

Doch der Reihe nach. An Vormittag besichtigen wir ein Eisenbahnmuseum. Nichts aufregendes, ein alter Bahnhof, alte Fahrpläne und eine Dampflok aus den 50ern. Das Herz der ehemaligen Fahrkartenverkäufer im Niddaer Bahnhof würde sicherlich höher schlagen. Doch statt Lok und Kohlentender zu bewundern, steht mal wieder die Staatssicherheit vor der Tür. Anscheinend war diese durch die Aktivitäten des Vorabends doch stark gefährdet. Schließlich hatten wir was entdeckt, was in Nordkorea offiziell strengstens verboten ist  - das Rotlichtviertel, oder zumindest ein Bett davon. Doch wie in jedem Staat, halten sich meist die nicht daran, welche die Verbote erlassen. Ich bluffe und behaupte die Personen im Bett erkannt zu haben. Damit war die Konversation zu meiner eigenen Überraschung beendet und die anderen Punkte (siehe Blog von gestern) hinfällig. Mit einem Augenzwinkern hoffe ich noch, dass sich die Bedienung vom Martina der gestrigen Nacht erholt hat und die Reise kann weitergehen.

 

Einer Weiterreise, die man sich allerdings hätte ersparen können – es geht ins Kinderferienlager Shongowodon. Da Fotografieren ausdrücklich erlaubt war, zeigt, dass man von nun Gesehenen derart überzeugt ist. Kleine Kinder in Uniform und rotem Halstuch auf dem Apellplatz. Stechschritt, Fahneneid und Schwur auf den Führer. Anwesende Personen, welche die DDR – Zeit noch im Gedächtnis haben, schütteln nur den Kopf. Das waren nicht die Jungpioniere zu Erichs Zeiten, das war ein militärischer Drill, wie es ihn in Deutschland zuletzt in den 30er und 40er Jahren gegeben hatte. Vom roten Halstuch mal abgesehen, dass war seinerzeit eher braun.

 

Wir werden durch die Zimmer geführt, die so sauber und ordentlich sind, als hätte sich Schneewittchen gerade bei den sieben Zwergen verirrt. Was stört ist weniger das Gemeinschaftsgefühl und die durchaus dafür aufgewandten hohen Kosten, was stört ist der kommunistisch-faschistische Drill, mit dem Kinder von Geburt an indoktriniert werden. Erstmals sage ich dem Reiseleiter, dass ich mir das nicht mehr länger ansehe und verkrümele mich im Bus. Der Staatssicherheit war’s auch egal, die grübelte nämlich noch darüber, wenn ich Nachts zuvor im „Rotlichtviertel“ erwischt hatte.

 

Rund vier Stunden geht es über die wieder menschenleere Autobahn nach Pyöngyang. Ein kurzer Abstecher ins Kriegsmuseum, dass vergleichsweise ohne Pathos und Propaganda präsentiert wurde, dann ging’s ins Hotel. Galadinner war angesagt, wobei die Gala in der vermehrten Lieferung alkoholischer Getränke bestanden hat. Doch man soll den Nordkoreanischen Gastgebern nicht Unrecht tun, die Verpflegung war bestens und vor allem deutlich besser als vorher vermutet,

 

Bevor wir zum Abschiedtrunk noch in der Bar verschwinden, noch ein Erlebnis der besonderen Art. Urlaubspräsente wollen schließlich auch in Nordkorea besorgt sein. Bedenkt man, dass in diesem Land relativ wenig produziert wir und in den Warenhäusern der Ramsch dominiert – ein recht schwieriges Unterfangen. Die einen bekommen eine Postkarte – wo man um Himmel willen keinen Führer drauf kleben sollte. Die anderen sind mit Zigaretten oder einem Fläschchen Destillat zufrieden. Wäre da nicht der Wunsch nach einem Schwimmreifen gewesen. Ein Foto im Spiegle Online vom Februar hatte den unabdingbaren Drang nach dem Besitz eines solchen Reifens Made in North Korea entstehen lassen. Trotz intensiver Beratungen mit Reiseleitung und Staatssicherheit war das Ding über unsere Kontakte nicht zu besorgen. Jedenfalls hatten sich die beiden mit Achselzucken und Unschuldsmine 12 Stunden vor dem Abflug aus der Verantwortung gestohlen. Was also tun – ich sehe ein Schild zum Schwimmbad im Hotel hin. Rettung in sicht ? Im Pool – eine Frau mit einem knallig orangenen Schwimmreifen. Juhuu – doch die Dame sprach kein Wort Englisch oder dergleichen. Mit Gestikulierungen beordere ich sie aus dem Pool und versuche ihr das Dang abzukaufen. Ergebnislos – der Westeuropäer hätte schlicht den Vogel gezeigt, verschwindet die Angesprochene so wieder.

 

Ich durchsuche die Lager des benachbarten Schwimmbad-Shops, der immerhin eine einzige Badehose im Angebot hatte – Fehlanzeige und wohl wieder das unbbeschreibliche Gefühl, den Vogel gezeigt zu bekommen. Beim Bademeister werde ich fündig, das Schwimmbad hat einen einzigen Schwimmreifen. Bloß – im Sozialismus verkauft man nicht einfach so einen Schwimmreifen – da kommt ja der ganze 5-Jahresplan durcheinander. In allergrößter Not erkläre ich den Reisen für konfisziert im Namen der Regierung und lege noch 10 Euro auf den Tisch. Damit konnte die Bademeisterin gar nicht umgehen, bis in die Bar verfolgt sie mich und will das Geld wieder los werden.

 

P.S. Als mich der Reiseleiter am kommenden Morgen fragt, ob ich denn einen Reifen erworben hatte, sage ich: Reifen ja, erworben nein. Was das heißen solle ? Meine Antwort: Nicht erworben. Requiriert ! Lg an H1


Mangels Kommunikationsmöglichkeiten vor Ort erscheinen alle Berichte nach der Reise - da geht das Authentische leider etwas verloren. Statt einem "Moin Moin" sind die Blogs jetzt mit einer Überschrift versehen. Dieser Blog wurde am 28.05. erstellt.





17. Mai 2010