Freitag, 14. Mai,  Nampo



Meister der Luftnummern

Endlich raus aus Pyöngyang. Die abende im Hotel sind mittlerweile recht lange geworden, aber das soll nicht davon abhalten, früh aus den Federn zu kommen. Langsam nevt Pyöngyang und man ist froh, mal an die Küste zu fahren. Ein Wecker ist nicht erforderlich, schon ab 5 Uhr hört man in den Strassen aus Lautsprechern motivierende Musik für die Werktätige Bevölkerung, die sich allmorgendlicher Massengymnastik erfreuen darf. Quasi Aerobic auf Staatsrezept.

Über die wieder menschenleere zwölfspurige Autobahn geht es flott nach Nampo an die Westküste. Erstmals sieht man die eine oder andere Fabrik, ob dort etwas prozudiert wird ? Man weiss es nicht, Schornsteine sieht man keine rauchen. auch die Schiffswerften scheinen etwas in die Jahre gekommen zu sein. Dafür ist auf den Feldern mehr los, in der Küstenregion wird Salz gewonnen und so bearbeiten die Landarbeiter von roten Flaggen umgeben den Boden. Wir fuhren durch einige Dörfer und erkannten schnell, warum Pjöngjang häufig als Kulissenstadt bezeichnet wird. Man trifft auf eine vorindustrialisierte Gesellschaft, die auch in der Landwirtschaft weit weg von Mähdreschern und Traktoren ist. Stattdessen mussten die Menschen das Feld mit einem Pflug bewirtschaften. Dieser wurde aber nicht von einem Ochsen, sondern von zwei Männern gezogen. 

In Nampo selbst sehen wir nicht viel, eigentlich das gleiche wie in Kaesong, viele mehr oder weniger prickelnde Plattenbauten auf den Hauptstrassen. Auf den Bürgersteigen sind tausende von Arbeitern abkommandiert, um diese in Ordung zu bringen. Da es auch hier kaum Gerätschaften gibt, erfolgt alles per Hand. Unproduktiv zwar, aber die Leute sind beschäftigt.

Über eine Meeresstrasse a la Key West erreichen wir den Nampo-Damm (West Sea Barrage) in der Mündung des Tae-Dong-Flusses. Die Gezeiten des gelben Meeres trieben bis zu seiner Errichtung das Meerwasser weit landeinwärts und machten dort den Fluss für Industrie und Landwirtschaft weitgehend unbrauchbar. 1981-1986 wurde für 4 Milliarden US-Dollar ein 8 Kilometer langer Damm in die Mündung gebaut, an der Basis 200 Meter breit und 45 Meter hoch. Das Beeindruckendste aber ist die Schleusenanlage mit drei Schleusen, immerhin 80 Schiffe fahren hier durch. Ab und zu auch mal ein Südkoreanisches, dass dann aber mangels gültigem Visums auch umgehend versenkt wird. Man verfolge die aktuellen Nachrichten. 

Schon die Art der Errichtung ist spektakulär, denn diese Anlage wurde auf's Trockene gebaut. Da eine Flussmündung aber nunmal nicht trocken ist, wurde das Gebiet zwischen Ufer und einer Insel in der Flussmündung mit 35 Meter hohen Stahlwänden abgeriegelt und leergepumpt konnten die Arbeiter trockenen Fußes erst mal den Grund bis auf den Felsen abtragen und dann hinbauen, was immer sie wollten. Eine Touristenführerin legt auch gleich ein Video über den Bau des Damms ein – sogar auf Deutsch und eine propangandistische Meisterleistung. Natürlich hat sich der grosse Führer um alles sebst gekümmert und so der Originalton bei Problemen "die Knoten in den Köpfen der Bauleiter entwirrt". 

Bei einem Besuch eines weiteren Königsgrabes kam es zur Revolte. 100 Euro pro Nase sollten dort für die Besichtigung von ein paar Fresken berappt werden. Der Preis sei festgelegt, behaupteten die Reiseführer noch, als wir sie schon bis auf 5 Euro heruntergehandelt hatten. Auch das war dem einen oder anderen zu viel und so liessen wir es. Sie Stimmung war allerdings im Keller. Doch das Geheimrezept der Nordkoreaner gegen schlechte Laune war schnell gefunden. Beim Picknick wurde die Essensration mal ruck zuck erhöht, und der Schnaps floss wieder mal in Strömen. Und das zur Mittagszeit.

Die Führerin im Pjöngjanger Museum sollte es zu spüren bekommen. Besonders die Damen waren in lustiger Stimmung und liessen sich vom mittelalterlichen Korea inspirieren. Ehrfürchtig wurde uns auch erklärt, dass sich Kim Il Sung schon als achtjähriger Junge an einem Volksaufstand gegen die Japaner beteiligte. Interessant, doch auf viel gößeres Interesse stiessen die parr Inline Skater auf dem benachbarten Kim Il sung Platz und ein Hund, der auf das Tragen von Wassereimern spezialisiert wurden.

Bei solch einer Akrobatik lag es nahe, doch gleich zu einer Vorstellung in den Nordkoreanischen Nationalzirkus zu gehen. Denn die Nordkoreaner sind die Meister der Luftnummern, sagte man uns schon vorher. Vermutlich waren wir auch die einzigen Zivilisten, denn die Vorstellung wurde ausschliesslich von Uniformierten besucht, von denen die Jüngsten vielleicht gerade mal 12 oder 13 Jahre alt waren. Die eineinhalbstündige Vorstellung war Klasse, die Akrobaten hangelten sich schier halsbrecherisch von Trapez zu Trapez oder werden mit dem Schleuderbrett bis zu 20 Meter weit durch den Raum katapultiert. Nicht alles klappte, aber das war sekundär. Dei beiden Bären tobten sich beim sensationsverdächtigen Seilspringen aus, und eine vermeintliche x-mal verknotete Gummipuppe entpuppte sich als gelenkiger Artist.

Der Abend war mal wieder lang und endete in der Macao Bar. Diesmal allerdings ohne besondere Vorkommnisse, dafür sollten die nächsten Abende wieder umso spannender werden.


P.S. An der Schleuse in Nampo sehen wir Flugabwehrgeschütze, die wir sogar fotografieren dürfen. Kommentar eines einheimischen: Funktionieren eh nicht ! Lg an H1.

 
Mangels Kommunikationsmöglichkeiten vor Ort erscheinen alle Berichte nach der Reise - da geht das Authentische leider etwas verloren. Statt einem "Moin Moin" sind die Blogs jetzt mit einer Überschrift versehen. Dieser Blog wurde am 25.05. erstellt.




14. Mai 2010