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Dienstag, 11. Mai, Pjöngyang - Myohangsan
www.google.hihi ?!?! Wir machen eine Stadtrundfahrt durch Pyöngyang beginnend mit der U-Bahn Fahrt von immerhin einer Station. Allerdings bekommt der gemeine Tourist nur zwei Stationen zu sehen. Prachtvoll, prachtvoll - am Moskauer Vorbild orientiert, man ahnt , dass die Rechung von 1973 in Rubel beglichen wurde. Natürlich begrüßt auch hier der große Führer auf omnipräsenten Bildern die Scharen der U-Bahnfahrer. Immerhin und das ist hier in Nordkorea so, hat sich der Herr Führer um alles selbst gekümmert und entscheidende Hinweise wie auf den Grundwasserspiegel zu achten, den Bautätigen (so heißen die Bauarbeiter hier) auf den weg gegeben. Wer weiß, was sonst so passiert wäre...! An den Bahngleisen regeln zackige Wärterinnen die Abfahrt und überhaupt scheit das System reibungslos, pünktlich und im drei- bis fünf Minutentakt zu funktionieren. Als Tourist müssen wir in einen eigenen Wagen, was dazu führt, dass ein gewöhnlicher Passant a) vor Schreck sofort aus dem Wagen geflüchtet ist und b) ein anderer, der dies nicht mehr geschafft hatte, sichtlich verwirrt vom Anblick der ausländischen Imperialisten beim Stopp an der Folgestation fluchtartig das weite gesucht hat. Das alles unter den Augen vom Kim Il Sung (der 1994 verstorbene sprachgebrauchlich "grosse" Führer) und Kim Yong Il (der offiziell "geliebte" und aktuelle Führer), die hier im Din A 3 Portrait in jedem U-Bahn Waggon hängen. Man stelle ich vor, in jeder Frankfurter S-Bahn hingen Helmut Kohl und Angela Merkel. Pyöngyang - der Stadt hat eine andere Vorstellung von urbaner Lebensart. Cafes und Restaurants, Biergärten und andere Lebensfreuden fehlen hier komplett. Reklametafeln oder Werbung irgendeiner Art findet man nirgends, das einzige bunte sind die meist knalligen Propagandaposter und -sprüche an den Straßenrändern und Hauswänden. Aber es gibt einen schönen parkähnlich angelegten Platz, wo bei geringfügigen Abweichungen vom vorgeschriebenen Wege gleich ein Spitzel aus der Hecke hervorspringt und einem mit einer markerschütternden Trillerpfeife zurückbeordert. Überhaupt ist die Stadt sehr sauber und grün, die Rasenflächen werde geradezu mit Kosmetikkofferscheren manikürt. Einen Rasenmäher habe ich auch nicht gesehen - so erreicht man Vollbeschäftigung.
Vorbei an einer 60 Meter Hohen Bronzestatue des großen Führers, den man gefälligst im Ganzen und nicht nur in Portraitaufnahme zu fotografieren hat geht es zum Grossen Studienpalast des Volkes. Das ist so eine Mischung zwischen Bibliothek und Volkshochschule. Groß durchaus auch im räumlichen Sinne. Bücher gibt es hier en masse, man präsentiert uns drei davon u.a. ein Word Handbuch aus den frühen 90er Jahren. Das was hier top aktuell ist, erinnert mich an meinen ersten Apple Computer, der heute wie ein extraglaktisches Vehikel daherkommen würde. Wir beobachten Studenten beim Lernen, ich darf sogar mal einen PC benutzen. Überraschung - der hatte einen Explorer 6 Zugang. Überraschung Nr. 2: in ganz Nordkorea gibt es kein Internet, nur so eine Art vom Regime genehmigtes Intranet, mit dem man weitgehend mittels russischer und koreanischer Schriftzeichen Bücher und dergleichen suchen kann. Als ich www.google.de eingebe, kann sich mein hinter mir stehender Aufpasser vor Lachen nicht mehr halten. Anderswo wird aus Büchern der 60er Maschinen- und Schiffsbau studiert - das Staunen kennt keine Grenzen.
In einem Deutsch-Kurs geht es zu wie dereinst in Heinz Rühmanns Feuerzangenbowle-Klasse. In zackiger Unterrichtsweise mit einem extrem gut Deutsch sprechenden zackigen Lehrer antworten die Schuler ebenso zackig auf dessen Fragen. Wir unterhalten uns eine ganze Zeit lang mit den Studenten, die allerdings alle bereits einen beruf wie Arzt etc. haben und kommen ungestört ins Gespräch. Auch wundert man sich angesichts der Unterrichtsmethoden, dass sich Nordkorea in den Basics wie Sprachen oder Mathematik in den Pisa Studien vergleichbaren Test sicherlich deutlich vor den bundesrepublikanischen Schülern positioniert. Und - das alles ist kostenlos.
Der Vollständigkeit halber sei noch der Besuch einer Kunstschule erwähnt. Nach dem üblichen meterhohen Führerportraits besichtigen wir die Künsterräume. Es wird gemalt, getont, gestickt, alles sehr diszipliniert und von guter Arbeit zeugend. Allerdings beim Blick hinter die Kulissen findet man auch folgendes: So müssen die Bauarbeiter ihren Abraum mit der Hand entsorgen. Schubkarre oder gar modernes Transportgerät fehlen hier vollkommen. "No Photos", weist uns der Aufpasser zurecht. Den Mittagstisch gibt’s während einer kurzen Dampferfahrt. Mangels meinem ausreichenden Orientierungssinn lande ich in der Offizierskajüte, wo der diensthabende Offizier gerade anderweitig beschäftigt war. Nordkorea hat ja doch schon so seine Schönheiten zu bieten.
Danach sind wir mit dem Bus ins Myohyang-Gebirge gefahren, die erste Übernachtung außerhalb von Pyöngyang. Es ging wieder an menschenleeren Autobahnen entlang durch eine landschaftlich durchaus schöne Gegend bis auf knapp 2000 Meter hinauf. Allerdings war das Hotel weniger berauschend als der im Vorbeifahren zu beobachtende Wasserfall. Warmes Wasser war Fehlanzeige genauso wie ein sehenswerter Ausblick, und so habe ich mein Gepäck geradewegs ins Zimmer geworfen und dasselbige umgehend in Richtung Hotelbar verlassen. Ein schwerwiegender Fehler, wie sich am nächsten Morgen herausstellen sollte.
Da das Personal dort sichtbar lustlos herumlungerte, war es mir vorbehalten zunächst einmal den Kühlschrank zu inspizieren und die Bar für den Abendbetrieb gleich zu eröffnen. Als ich dann auch das gleich zahlreich erschiene Publikum bedienen wollte, löste mich eine sichtlich aus dem Konzept gebrachte Thekenbesatzung ab. Wir trafen zwei beruflich im Land weilende Deutsche, die einen ziemlichen Durst verspürten. Die Grundlage für einen Abend, der den handelnden Personen unvergesslich bleiben wird war gelegt. Auch die Preisliste sei nochmals ins Gedächtnis gerufen: Bier, 0,64 Literflasche - knapp 30 Cent, die Flasche Wodka einen Euro. Die Hütte sollte beben.
P.S. Ich habe meine erste Postkarte geschrieben. Da hier auf jeder zweiten Marke der Führer drauf ist, klebe ich seine Majestät auch gleich auf die Karte. Problem Nr. 1: Briefmarken kleben hier nicht - was ich mit einem Hansaplastspray aber schnell fixiere. Problem Nr. 2: Die Marke ist nutzlos, erklärt mir die Rezeption, denn einen Führer wagt hier niemand abzustempeln. Lg an H1.
| 11. Mai 2010 |